Ein Anfang

März 5, 2008 by goneastray

Die Hangzhou-Station in Shanghai ist die groesste Bahnstation Chinas, West-Shanghai, ein roehrenfoermiges Terminal, es geht hier direkt zum internationale Flughafen Hongqiao. Ein Grossteil der Reisenden sind Auslaender. Auf dem gegenueberliegenden Rollband kommen dir ploetzlich blonde Mittzwanziger in Massanzug und VW-Tasche entgegen, hier findet auf einmal am oestlichsten Rand Chinas der Wiedereintritt in die westliche Welt statt.

Tyler steht nervoes auf der mittleren Plattform. Neben ihm ein grosser silberner Rollkoffer. Tylers Kopf nickt leicht. Hinter der Sonnenbrille haben sich seine Augen etwas zusammengezogen. Wenn man genau hinsieht, kann man sehen, dass er auf etwas kaut. Tyler hoert Techno. Es faellt ihm schwer, stillzustehen. Aus Angst vor der Flughafenkontrolle hatte er im Hotelzimmer zuletzt noch schnell das restliche Koks weggezogen und waere dann im Fahrstuhl beinahe kollabiert. Jetzt ist die Wirkung fast optimal. Er fuehlt sich frisch und energiegeladen, er steht jetzt mitten im Club und nickt dem Beat zu, und er gaebe ein Koenigreich fuer einen Kaugummi.
Der I-Pod laeuft, und stattdessen kaut er sich schon wieder die Wangen wund. Hangzhou ist sein Reich, da steht gerade ein technogemaesser Circle um ihn rum, da werden im Verstaendnis gerade drei Dimensionen voraus gestezt. Tyler sieht das ganz cool und hoert ein bisschen mehr auf Richie Hawtin, und weiss, dass er in zwoelf Stunden zuhause sein wird. Im Berghain. Und dass dann alles okay ist. Und findet den Kaugummi in der rechten Sackotasche. Der Flug geht ab zwanzig Uhr. Sogar der Stuart weiss, dass er rechtzeitig um zwei im Berghain sein wird. Dass dann gar keine Regel mehr gelten wird. Dass dann alles okay sein wird.

Tyler steht noch immer auf der mittleren Plattform, in der Vorstadt von Shanghai.

***

Power geht auf Technoparties, seit er 15 ist. Die erste Party war ein Trockennebelrave im Nachbarfdorf, Power und sein Cousin Schorsch steigen aus dem Bus am Rathaus und laufen durch die bayrische Nacht besoffen dem Sound entgegen. Fuenfzig Leute in der Festhalle vom Schuetzenverein, billige Anlage, alle besoffen, alle drauf. Aber bei Power hat es Klick gemacht.
Ab dann jedes Wochenende, immer weiter hinaus, in immer groessere Clubs, nach Muenchen, zu Rave on Snow, zur Love Parade, eh klar. Ein Berufsraver. Die Schlaghosen gehoerten dazu. Techno gehoerte dazu.
Irgendwann liess er sich mal in Amsterdam auf einer Ueberdosis Speed “I’ve got the power” in Frakturschrift auf die bleiche, nach innen gewoelbte Brust taettowieren.

Oberbayern, Bauernhaus. Die Eltern haben sich jahrelang die Finger als Klempner wundgearbeitet, ehrlich bis auf die Knochen den Kredit abbezahlt. Der Bruder ist im Gemeinderat, man kennt den Beruf der Nachbarn, in die Messe geht man nicht mehr; aber wenn in Stephanskirchen bei Rosenheim Starkbierfest ist, gehoert die Familie Leitkirchner zu den Sponsoren. Man steht in den gelben Seiten, und wer nicht gruesst ist ein Grantler, man steht sicher auf der sicheren Seite: Die Leitkirchners sind ein fester Begriff im Stephanskirchner Gemeindeleben.

Was die Leitkirchers nicht wissen, ist dass gerade Session im Zimmer ihres Sohnes Schorsch ist, dass sich da gerade fuer ein paar Bauernjungs Welten oeffnen, dass Stephanskirchen gerade zum wahrnehmungsmaessigen Mittelpunkt der Erde wird.
Wir hoeren jetzt Led Zeppelin, in Abwechslung mit dem neuesten Berlin-Sound, es ist Gras da beim Leitkirchner und die lokale Kiffer-Elite hat sich eingefunden.

Da sitzt ein Haufen Verlierer beisammen, einer lustiger als der andere. Die Flasche kreist, der Geldschein hinterher. Jeder schnupft sein Naeslein, keine Bemerkungen, Konsum ist in dieser Atmosphaere ein absolut angemessenes Mittel. Alles ist in dieser Atmosphaere moeglich und der Chiemsee ein Ozean.

Wir treten hier auf voellig neues Terrain. Der Raum ist voller Rauch, man hat sich an der Mutter mit einem “Servus!” vorbeigeschlaengelt, man sitzt jetzt vollig relaxed im abgeschlossenen Zimmer, der Corbi haelt die Bong beilaeufig in der rechten Hand und macht auf dem “Chicas”-Flyer eine 1:1. Hasch-Tabak-Mische zurecht. Der Corbi hat eh den Flow weg, jeder weiss das, wenn der Corbi rockt ist der Sound gut. Corbi schwitzt, Power freut sich, Schorsch pennt schon von den zwei Loewenbraeu vorher weg.

Mit der Zeit in der Szene, und da kann gar nicht genug vergehen, gewoehnt man sich an immer mehr, und der Schorsch, der sich gerade von zwei Hefeweizen breit fuehlt, ist in 2012 entweder Alkoholiker oder ganz krass in Berlin abgestuerzt, hat dann auch den Kotti kennengelernt, oder, im schlimmsten Fall: ist der Gesellschaft anheim gefallen, ein Dutzendmensch geworden, suechtig nach Bestaetigung.

Power, Corbi, Schorsch: Typen von dem Schlag, die man immer noch auf einen Drink ueberreden kann. Auch wenn da gerade Oberbayern das Zentrum ist, haben da so einige das Universum verstanden, den Range des Sounds, und wenn der Corbi ansagt, sollte so ziemlich jeder im Zimmer aufpassen.

Past, Future, Reality: Ausblick

März 3, 2008 by goneastray

Der beschissenste Sound, der dich aus deinem versoffenen Schlaf in einen verkaterten Freitagmorgen katapultieren kann, ist mexikanisches Fruehstuecksfernsehen:

“Y ahorita, ¡que paaadreee! (Zwischenkreisch der schoenoperierten Mitmoderatorinnen) vemos a la nueva colección de un amigo que siempre..

“Oh fuck Nancy, bitte, mach das aus…”.

Wie gesagt, es ist Freitagmorgen..

Die offizielle Version

“Vom 23.12.2007 bis 6.01.2008 habe ich Urlaub genommen. Ab dem 07.01. habe ich im 10. Stock gearbeitet, da mein Stuhl im 14. besetzt war. Deswegen hat man mich dort auch nicht gesehen.
Vom 13.01. bis 15.01. war ich auf einem spontanen Kurztrip mit meiner Freundin nach Cuernavaca, weswegen ich die Mail vom 13.01. leider weder lesen noch beantworten konnte. Dass ich mich fuer diesen Urlaub nicht vorher abgemeldet habe, tut mir leid.

Vom 16.01. bis 20.01. habe ich gearbeitet.

Am 21.01. wurde ich wegen einer Salmonelleninfektion ins PEMEX-Krankenhaus eingeliefert. Waehrend der ersten Woche war ich aus gesundheitlichen Gruenden nicht in der Lage, Bescheid zu geben. Anschliessend wurde ich bis 15.02. krank geschrieben.

Am Samstag, 16.02. wurde ich nahe der Metrostation Hidalgo von einem unbekannten Fahrzeug angefahren. Ich wurde mit Lesuren und Stauchungen ins staatliche Krankenhaus Ruben Leñero eingeliefert. Die folgenden beiden Wochen verbrachte ich im Bett. Da die Dame, bei der ich wohne Analphabetin ist, konnte sie leider nicht in der Arbeit Bescheid geben. Nun habe ich zwei Nachbarn gebeten, meinen Rollstuhl vom zweiten Stock auf die Strasse zu befoerdern. Deswegen bin ich jetzt auch im Internetcafé und kann Ihnen sagen, dass ich bis einschliesslich 31.03. krankgeschrieben bin. “.

***

Nancy kommt gut geschminkt an die Rezeption und uebergibt das Dokument. Es werden Manager und Sekretaerin geholt. Ein pneumatischer Halt, ein gefederter Anlauf, Aufruhr in der Regel. Das kann man erstmal ueberhaupt nicht checken, das hat in der Firma noch keiner gebracht. Die Lederschuhe kehren bemueht zum Aufzug zurueck.

Nancy schlendert zum Auto. Ich reiche ihr meine Camel und: “Was gibt’s?”.

***

Die schwarze Kasse

200 Pesos Krankenbescheinigung Krankenhaus PEMEX
120 Pesos Bestechungsgeld Polizei, Trunkenheitsfahrt ohne Fuehrerschein und Licht
100 Pesos Bestechungsgeld Polizei, Falschparken in Einfahrt zu Bank BANAMEX
200 Pesos Polizeistation Caracoles, Beratung durch Polizeibeamten bei Erstattung der Anzeige wegen Raubes gegen Nancy’s Ex-Freundin
100 Pesos Begleitung durch Polizeiagenten zum Haus von Nancy’s Exfreundin
150 Pesos Bestechungsgeld Polizei, Parken auf Fussgaengerueberweg
400 Pesos Krankenbescheinigung staatliches Krankenhaus Ruben Leñero

Reality
Es ist ein seltsames Zeitloch, in das ich gefallen bin. Die Tage vergehen in Mexiko in einer anderen Geschwindigkeit. Der Augenblick wird staerker, Sonne, man nimmt sich Zeit sich hinzusetzen, die Strasse entlang zu sehen, dann auch eine zu rauchen. Und wenn man abends zurueckblickt, gibt es kaum ein Ereignis, an dem man den Tag aufhaengen koennte.
Irgendwie hat mich diese ganze Liebessache von Anfang an an Kiffen erinnert.

Ich kann auch gar nicht genau sagen, was ich seit Anfang Dezember gemacht habe. Viel im Bett gelegen, sicher. Stundenlang ihre Muschi geleckt; da fuehle ich mich heimisch, wie ein warmes Daunenkissen, mit Saftausschank. Gefickt, in guten Restaurants gegessen, Videos geschaut, durch die Stadt gelaufen.
Auto gefahren. Spazieren in La Marqueza, den Ersatzalpen dreissig Kilometer vor Mexico City. Musik gemacht mit Carlos, meinem Nachbarn, einem wunderbar verwirrten Gitarristen, ebenfalls Oekonomieabsolvent, getragen von dem diffusen Plan, Unterricht in Marxismus zu geben. Versucht mich zu erinnern, was fuer ein Monat gerade ist. Im Pervert gedanced, dem einzigen Laden hier, in dem guter Techno laeuft.

Eigentlich verdammt wenig fuer drei Monate. Ich war halt nur nie alleine. But don´t be so stuck on the past.

In zwei Wochen komme ich nach Deutschland: FUTURE
***
Hi-Hat Feuer
***

Es war auch viel Trotz in der Entscheidung, ein Wegwerfen; mein Leben in Berlin war keinen Pfifferling mehr wert; haetten Malaysia oder Madagaskar gerufen, ich waere genauso gesprungen. Jetzt also Mexiko.

Plan: 15.03.:

Zwischenstop in Amsterdam, ich lasse den Flug nach Berlin sausen und komme direkt mit dem Bus nach Bayern, zu meinen Eltern. Es ist die Ecstasy-Exhibitionismusaktion auf dem Friedhof Neukoelln vor fast zwei Jahren; ich habe seit Monaten die Rate nicht bezahlt, die Chancen auf einen Haftbefehl stehen gut, landen in Tegel waere unklug.
Drei, vier Tage bei den Eltern im Chiemgau: Beruhigen, Moralpredigten ignorieren, jeder Fehltag wurde kolportiert, Zurschaustellen von Hautbild und gesundem und stabilen Geisteszustand. Ich habe seit meiner Ankunft in Mexiko im September drei Mal gekokst und eine handvoll Mal gekifft, mir kann gerade niemand was. Dann zwei Tage Party mit den bayrischen amigos.

Mitfahrt nach Berlin, wie gesagt, fliegen geht gerade nicht. Wohnen dann bei Cousine (anfragen!) und treffen mit all den Berlinfreaks, dem Netten Fucker, Frank aus Franken, Bomec sofern vorhanden; auch unbedingt Pippin. So oft als moeglich ins Berghain. Friedrichshains Strassen abchecken, Berlinflavour aufsagen und alles erzaehlen, Leben zwischen Euphorie und Abfuck ganz direkt wahrnehmen und aufschreiben.
Zwischendurch auch Nancy vermissen. Aber in Berlin zaehlt Mexiko dann gar nichts mehr, es wird regnen oder schnein. Mich auch wieder an Deutsch gewoehnen.
Mexikaner in den Toiletten des Berghains mit Slang zulabern. “¡No mames güey, que pedo, yo soy más mexicano que un pinche nopal, güey!”., da freu ich mich schon seit Ewigkeiten drauf. Ich nehm auf jeden Fall die Buffalos mit…

Das wird alles ganz schnell gehen, am 03.04 dann nach Amsterdam, den Studienkollegen, Investmentbanker, treffen, Coffeeshops auschecken, zuletzt einsam schreiben und am 5. April wieder nach Mexiko, da steht dann schon die ganze Familie.

Dann schaun.

Alles

Februar 20, 2008 by goneastray

Nee, ich geh nicht mehr auf Arbeit. Das weiss ich ja jetzt schon ne Woche. Letzten Donnerstag traute ich mich mal wieder ins Office, versteckte mich im 10. Stock, liess den Laptop an und fand eine Nachricht meines Chefs vor: “Lieber Airen, bitte melde dich umgehend bei mir!”. Die Mail war acht Tage alt.
Ich verliess schleunigst das Gebaeude und beschloss, nie wieder zu kommen.

Seitdem eigentlich Sport. Ich saufe ja nicht mehr, also nur noch zum Schreiben und zum Dancen. Nancy und ich gehen jetzt zum Joggen in den Stadtpark Chapultepec, oder hier im Norden, Caracoles, Estado de México, in der Vorstadt der Vorstadt, da gibt’s auch nen Sportplatz. Oder ich helfe in ihrem Geschaeft und mache Sandwiches und Saefte oder laber in der Regel die Kundschaft zu. Auf Dauer ein irrentabler Abfuck und deswegen tausend andere Plaene.
Unterricht in Deutsch, Englisch und Gitarre ist einer. Der Job in der Partei ein anderer. Was wir auf jeden Fall machen werden, ist eine grosse Wohnung zu mieten und an Auslaender auf Vierteljahresbasis teuer unterzuvermieten, das laeuft ab Maerz. Und halt noch ein Job, fuer das Visum. Laesst sich natuerlich faken oder kaufen, wie alles hier, Mann, am Wochenende erst haben mich hier die Bullen ohne Fuehrerschein und Licht dafuer mit Pegel aus dem Verkehr gezogen und das liess sich mit 120 Pesos Trinkgeld und einem Laecheln regeln.
Aber jetzt bloss Sport, Ficken und Gitarre macht auf Dauer auch bloed und als Auslaender mit Studium verdient man sich in Mexiko daemlich.

Nee, irgendwas muss gehen, aber es darf halt nicht mehr in der Finanzwelt ablaufen; ein Leben unter BWLern ist der Highway in die eintoenige, monosubstanzielle Drogensucht, ich ertrage das Pack nicht mehr, da rutsche ich aus, auf den Gedanken.
Es war nur dieser Film auf Pilzen 2001, da sah ich das Haus mit Swimmingpool an der kaliforischen Kueste und dachte: Jetzt zieh ich mir das krasseste Wirtschaftsstudium ever rein, auf Englisch, und kauf mir das.

Und dann kam ich an die “Europa-Universitaet” Viadrina und sah nur Fotzen, wirklich Spacken zum schlagen, und die verstanden keine einzige Klasse, kopierten, bestanden und vergassen. Ich traf nur Dennis, die Checkerfotze, und der sagte: “Der Bachelor, das ist der ‘Du darfst”-Schein.”: Du darfst jetzt Verantwortung tragen, Geld verdienen und einen auf Businessman machen.
Ich habe da vier Jahre nur ganz hart durchgekifft, Berlin befeiert und mich alle paar Wochen in die Pruefungen geschleppt. Und einen ganz profunden Hass gegen die BWLer entwickelt.
Dann nahm mich wirklich der Traumarbeitgeber jedes Anzugtraegers und das aenderte ueberhauptnichts, ich nahm nur noch mehr Drogen und erlebte hoellische Montage, dreimal kraehte der Hahn. Nach einem Jahr schickte man mich nach Mexiko; ich kassierte die Flugtickets und ein respektables Gehalt, und machte das, was man unter den letzten zwanzig Eintraegen lesen kann.

Ich verliere also gar nichts.

Natuerlich habe ich dann manchmal auch Heimweh. Berlin hat einfach einen ganz fiesen Groove weg. Ich habe da noch immer meine Band. Das Berghain. Alle Drogen. Wenn ich traurig bin, will ich mir auch hier in Mexico City einfach wieder einen Valium-Abfuck geben. An sonnigen Nachmittagen mit meiner Cousine in Friedrichshain extrem-Nichtsmachen. Mir ne Pipette GHB checken und schauen was passiert. Gras in der Hasenheide kaufen, ewig traeumen, durch SO36 laufen, Coolness im Nichtstun, und dann mit dem letzten Credit in’s Berghain checken und Pillen fressen. Eigentlich war ich nur dann, in diesen Momenten, zwischen riesigen Boxen und knackenden Synapsen, der euphorischen Verneinung der Vernunft, in diesem Bunkeruniversum der Musikmusikmusik, im Berghain frueh um acht: ich selbst.
Aber hier ist staendig der Himmel blau.

Und Nancy liebt mich.

Und ich will nicht mehr alles.

Und alles.

no chocolate

Februar 14, 2008 by goneastray

Schreibt wieder, und zwar

geil.

Acapulco

Februar 7, 2008 by goneastray

Acapulco ist ein oeliges Schwipp-Schwapp, blitzende, geldgebleichte Zaehne, eine besonnte Nazilagune, House-Music und Meeresfruechte, ein mexikanisches Las Vegas, ueberteuerte Drogen, das Haus von dem und dem, Victoria-Kronkorken im Sand, gegenseitig in den Mund geschobene Melonenstuecke, ein Albtraum von Mexiko, eine Messe saemtlicher in der Welt vertretener Hotelketten, rangeklatscht an die 10 Meter Strand.
Eine immersommrige Geldausgebestation.

Wir kamen spaet. Das Luxushotel. Es war klar, dass dieser Ort nach Gras ruft, nach Kiffen, besser: dass hier auf jeden Fall einer aufgebaut werden musste. Nancy und ich liessen die Oma im Stich und gingen auf den Strip.

Samstag abends ist der Strip die Kadente des Scheitelpunkts der Jugend. Da ist der Mittelstreifen, mit Palmen bepflanzt; die geben im roten Abendlicht ein exotisches Miami-Feeling ab. Rechts wummern Bars und es rauscht der Strand, ein warmer Abendwind, der Geruch gekaufter Sachen: Bitte geben Sie hier ihr Geld ab. Miniroecke.

Keiner geht hier einfach so. Du stellst Titten oder Geld zur Schau, dein Auto oder die modelreife Nutte an deiner rechten Hand, Haare bis zum Arsch, Ficken: 50 Euro, Ritz oder Hilton.
Wir sind in Acapulco, und das vergisst du keinen Moment. Was du auch machst, du wirst stereotyp, ein neonbeleuchtetes Symbol deiner Persoenlichkeit, so wie dieser Ort selbst seit Jahrzehnten ein Symbol ist fuer Sex und Sonne und fuer die Wohltaten amerikanischer Direktinvestitionen. Ich war laengst besoffen.

Ich sah die langbeinigen, grosstittigen, enggekleideten, sich die Zaehne leckenden, arschwackelnden, an unseren Tisch schielenden, aeh, Transen. Ich sah in den Himmel gestreckte Zungen, hoerte Techno und dachte: “Ecstasy”. Ich frass Fische fuer 200 Peso und sah und fuehlte und dachte viel und stets: Acapulco.

Schnell kauften wir Gras und da ich mich kenne, landete die Haelfte im Strassengraben: Keine Sucht, bitte. Ins Auto und heim ins Hotel. Man kann bekifft einfach besser kuessen, besser ist gar kein Ausdruck; auf Gras kuesst du, und nuechtern knutschst du. Wir kuessten uns also. Das Gefuehl, dieses Gefuehl, und mein Leben lang will ich nur kuessen, Liebe und Schweiss und Liebe: So war Acapulco bei Nacht.

Am naechsten Tag das Ganze in blass. Man ist dann ja halbbreit, hat in der Frueh vor dem Fick einen kleinen Joint geraucht und sich auf dem Weg zum Strand ein Bier gegoennt und am Strand leert man das naechste, alles schon langsamer; man vertraut darauf, dass in der Nacht der Bock wieder durchkommt und haengt schlaff im Wasser. Und so breit wie man da vor sich hinchillt, das Hotelpanorama im Blick, schwimmt oder nichtschwimmt, sich gut bedient treiben laesst und langsam dem naechsten gegrillten Fisch entgegenfuehlt: bei Nacht ist dann alles wieder da.

Man koennte es Party nennen. Aber Acapulco ist nur die Freiheitsstatue des Konsums.

effects

Januar 25, 2008 by goneastray

Puh… ich fuehl mich schlecht. Und wo genau bei diesem ganzen Problemkomplex, der mich heute runterzog, Ursache und Wirkung liegen, ist nicht einfach zu bestimmen.

Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Das lag sicher auch am Alkohol, diese Testosteron-Sache; Floyd Landis wollte sich ja auch mit vier Whisky rausreden. Diesen Montag nach der Arbeit war Nancy’s Onkel Icidro gekommen; der gefaellt mir gut seit ich weiss, dass er halb Guerrero auf dem Gewissen hat. Aber das ist lange her, als ihn die Soldaten jagten und er in Frauenkleidern sein Dorf verlassen musste und ihm dieser Song gewidmet wurde. Das schreib ich alles noch. Icidro ist ne coole Sau, jedenfalls, nur jetzt schon siebzig, und mit dem musste ich bis Mittwoch Mittag abstuerzen. Den kann hier auch keiner leiden.

Donnerstag… das waren so Schemenzeichnungen, hundert Stellungen des Kamasutra, und wir haben das irgendwie nicht auf die Reihe gekriegt. Mein ganzer Koerper kribbelte noch, weil, wenn ich ein paar Tage durchsaufe, das packe ich gesundheitlich irgendwie nicht. Dabei auch noch die Arbeit im Hinterkopf; Muellermeister Glos kommt ja am Wochenende nach Mexiko, und ich musste da was fuer meinen Chef vorbereiten. Und dann, schon richtig angepisst, kam mir auch noch Nancy bloed.
Nancy ist ja leider - und je besser mein Spanisch wird, desto klarer wird mir das - saudumm.

Also der Sex, gar kein Thema, das kann man eigentlich nicht toppen. Aber ohne Persoenlichkeit im Gegenueber kommen dann schon irgendwann die Fragen; und dann das Angepisstsein, und dann auch der Punkt, wo man es halt weiss, dass da irgendwo was Besseres wartet. Aber ich schreibe ja besoffen, wie je.

Dann lag ich also gestern abend ganz uebel verkatert in meinem kleinen Bett hier bei Doña Tina, und Nancy neben mir und ich war am Schwitzen und konnte null schlafen. Das ging bis heute frueh und dann der Wecker, und dann ein angepisster Sprung in einen verfickt herangefuerchteten Tag.
Auf Arbeit gruess ich ja eh keinen, aus Prinzip, nee: weil es einfach nicht geht. Da ist so eine Riesenluecke, in Allem, und luegen kann ich leider nicht. Also wenn dann so ganz perfide hinterhaeltig, aber so im Alltag leider gar nicht. Da halt ich’s Maul und grenz mich schoen aus; und leider fuehlt sich das dann auch schlecht an.

Deswegen nach der “Arbeit” dann auch gleich in die Cantina und jetzt schon hacke, und dann kommen die bald, und schimpfen. Und deswegen, weil das klar war, fuehle ich mich den ganzen Tag schon schlecht.

Gift

Januar 23, 2008 by goneastray

Das geht ganz einfach. Wir fahren in die Zona Rosa, dem St. Pauli von Mexico City, schauen zweimal bloed und schon steht die Connection. Um die Ecke. Fuenf Briefe, in jedem ein Viertelgramm Koks. Die Parkgaragentoilette bestaetigt die versprochene Qualitaet.

Wir fahren noch einmal in die Cantina der Chicis. Letzte Woche habe ich da den Licenciado Guzmán getroffen, Ex-Finanzsenator von Mexico City, durch einen Korruptionsskandal leider gestuerzt, ihn und seine vier Bodyguards. Nachdem er Nancy und mich auf die zweite Flasche Champagner eingeladen hatte, versprach er mir einen Job in der Regierung oder zumindest einen in der Partei (kommunistisch).
Ich bin noch immer im Anzug deshalb.

Als wir gegen elf eintreffen, sitzt der dicke Licenciado schon dort, mit einem ganzen Haufen Parteipolitiker, und der geilen Sekretaerin (wait a while und es kommt der Artikel: “Die Sekretaerin”. Vorher muss ich sie aber noch ficken.. Geduld…(Habe ich schon gesagt, dass ich Mexiko liebe??!))
Man gruesst. Man setzt mich an den Tisch. Man stellt mich dem Abgeordneten Alberto vor. Man verteilt Visitenkarten und zahlt die Rechnung.
Nancy und ich trinken aus und freuen uns auf das Koks.

In ihrer Wohnung. Nancy hat noch nie gekokst. Ganz einfach, baby: Strohhalm anlegen, Nasenloch zuhalten, einatmen. Strohhalm gegen Lineende bewegen.
Das erste Pac ist weg.
Nancy erzaehlt und beginnt zu weinen. Ich bin ganz locker und hoere zu. Auf Koks kannst du wirklich zuhoeren. Nicht dieser krankhafte Rededrang wie auf Speed. Du redest, ich horche.
Und wehe du machst einen Fehler.

Das zweite und das dritte Pac. Nancy kommt nicht zum Punkt: “Komm zum Punkt, Nancy.”. Nancy setzt drei Jahre vorher an.

Wir legen uns auf das Kingsizebett und schauen einen Porno: Ich bin geil.
Nancy: “Ich bin so geil.”. Beschluss und die letzten beiden Pacs.
Nancy blaest mir einen und ich schaue weiter den Porno. Ich war noch nie, nie so geil. Mein Schwanz schrumpft. Ich spule vor. Nancy saugt jetzt wirklich hart und stoehnt. Mein Schwanz schrumpft weiter:

“Ich kann nicht.”
–“Bitte, sag mir was ich machen soll, und ich mache es.”.

Nichts geht.

Jetzt lecke ich.
Nancy: “Sag mir schmutzige Sachen!”
- “Ich muss auf’s Klo.”.

Ich komme zurueck und schaue weiter, und ja, uebrigens: da lutscht jemand verdammt gekonnt meinen Schwanz. Nach fuenf Minuten schicke ich sie raus. Ficke jetzt im Geist die geile Fotze auf dem Bildschirm, diese geile Nutte, ihre heisse Muschi ficke ich. Und merke auf einmal: Was geht denn?!

Ich schalte aus und gehe rueber zu Nancy. Die sitzt nebenan auf dem Sofa und atmet schwer. Alle paar Sekunden zieht sie hoch, durch die Nase. Ganz, ganz kranke Situation jetzt:

“Oh sorry Nancy. Oh sorry. Oh scheisse Mann, das habe ich nicht gewollt. Das sind die scheiss Drogen. Oh bitte, ich liebe dich!”. Nancy schaut mich aus Riesenaugen an, atmet heftig aus, atmet ein, kaut, zieht hoch. Ihr ganzer Koerper zittert. “Oh scheisse, Nancy, das wollte ich nicht!”.
-“Nein, wieso, das ist okay. Aber morgen kaufen wir neues Koks!”.
Diese verdammten Anfaenger.
“Nein Mann, morgen kaufen wir kein Koks, wir nehmen das nie wieder zusammen! Verdammt, es tut mir leid, das war da Letzte! Es lag nicht an dir!!!”. Nancy starrt ganz wild an die Wand und kaut weiter wie verrueckt: “Was, wieso, doch, morgen kaufen wir wieder was. Ich fuehl mich gerade voll gut. Ich koennte dir gerade alles sagen, ich habe gar keine Angst!”.

Ich ziehe sie ins Schlafzimmer und lege sie hin, will sie kuessen. Es geht absolut nicht. Ich fuehle gar nichts, ich bin leer, bin eiskalt, kann rechnen. Ich kann nicht mal nett sein. Nur das rational Beste bestimmen. Der Albtraum beginnt, ich kacke ab..
Das ging ganz einfach..

La Chicis

Januar 21, 2008 by goneastray

Nach der Arbeit warte ich nicht auf Nancy sondern gehe gleich in die Cantina, in der die Chicis arbeitet. Die Chicis wohnt mit mir in der Wohnung von Doña Tina, ihr Name bedeutet soviel wie: “kleines Maedchen”.

Die Chicis ist ein vierzigjaehriger, kleingewachsener, stockschwuler Indio, der ein bisschen zurueckgeblieben ist, aber stets zuvorkommend. Ein Saeufer. Eine Woche zuvor lieh sich die Chicis von Nancy die fuenf Peso, die ihr noch zu ihrem “Presidente” fehlten, einem Billigbrandy uebelster Sorte. Leider war ich da schon hacke und nahm den Flachmann, kaum auf dem Tisch, an mich, in fuer die Chicis unerreichbare Hoehen, und leerte ihn in einem Zug.
Die Chicis schaute traurig.

Montag bis Samstag arbeitet die Chicis um die Ecke in einer Cantina als Kuechenhilfe. Alle Angestellten dort achten peinlich genau darauf, dass die Chicis nicht heimlich trinkt. Wenn die Chicis trinkt, wird aus dem zurueckhaltenden kleinen Maennchen ein wilder, singender Papagei, eim tanzender Medizinmann, dessen Indio-Dialekt keiner versteht.

Ich gehe heute gleich in die Cantina, weil ein scheiss Tag hinter mir liegt. Eine halbe Stunde musste ich mir den Anschiss meines Managers anhoeren, weil ich beinahe vier Wochen blau gemacht hatte. Fuer die ersten drei Wochen hatte ich mir ein komplexes Luegengeruest zurecht gelegt, dass man mir, wenn auch nicht glaubte, so doch zumindest glauben musste. Aber die letzten drei Tage waren unerklaerbar. Eine halbe, sehr unangenehme Stunde.

Ich checke rein, begruesse die Chicis, ueber den Abwasch gebeugt, dann Gabriél, dann Jesús, meinen Lieblingskellner. An der Wand haengen zwei grosse Flatscreens, alles darunter ist billig: weisse Plastiktische, verkrustete Tischdecken, eine Jukebox. Drei Tische sind besetzt, Arbeiter, die ihren Wochenlohn verprassen.

“¿Una Cubana, un Tequila?”, weiss Jesús schon. Cubanas sind mein neues Lieblingsgetraenk. Bier mit Zitrone, Chili und Worcester Sauce. Den Tequila zieh ich gleich weg und bei der Haelfte der Cubana wird mein Blick etwas milder. Vier Wochen Urlaub fuer eine halbe Stunde Anschiss waren eigentlich kein schlechter Deal. Und schon haelt mir jemand von hinten die Augen zu. Ich kuesse Nancy. Und zwei Tequila, bitte.

“Schatz, nimm es mir nicht uebel, aber du bist ein Alkoholiker.”, hatte sie mir vor ein paar Wochen im Auto eroeffnet. Das macht aber gar nichts, denn fast jeder Mann im Umfeld meiner Familie hat zumindest seine Saufphasen. Und wenn der Mann ordert “Hol mir ein Bier!”, so gehorcht die Frau, wenn auch unter Protesten. Mit einem Knall landet dann die Flasche auf dem Tisch und unter Fluechen wird die Krone abgehebelt.
Dabei wehre ich mich ja gegen den Ausdruck Alkoholiker. So schnell geht das nicht.

Als man uns den falschen Tequila liefert bestelle ich nach und rufe die Chicis an unseren Tisch. Die Chicis umarmt Nancy ganz herzlich und sofort wird klar: Die Chicis hat wieder gesoffen. Ich biete ihr den Tequila an und die Chicis geht in die Knie und kippt hinter dem Tisch schnell die beiden Glaeser.

Aber der Plan lautet ja heute eigentlich: Koks kaufen. Wir wollen feiern gehen oder zumindest harsch ficken.

Daily Soap

Januar 10, 2008 by goneastray

“Because I come from the land of plenty”, singt Nancy ziemlich falsch zum Radio und schwebt in meinem Ruecken vorbei. Ich spucke etwas Schaum in’s Waschbecken und putze weiter. Noch immer habe ich geroetete Augen, weil ich gestern wieder eine ganze Flasche Wein bestellen musste, und uns dann noch in die Distillería schleppte, auf einen Mezcal. Aber jetzt, wo das Ruehrei vom Tisch duftet, kann von Kopfschmerz eigentlich keine Rede sein. Eighties-Pop.

“I come from a land down under”, kommt es schon etwas euphorischer aus dem Schlafzimmer. Sie steht jetzt vor dem schwarzen Spiegelschrank und plaettet sich die Haare. Ich betrachte ihr Spiegelbild im Spiegel und laechle. Bei jedem Zug fletscht sie die Zaehne, das schaut haesslich aus, und ich liebe es. Wenn sie kommt hat sie ein ganz aehnliches Gesicht. Wahrscheinlich deshalb.
Ich habe ihr schon tausendmal gesagt, dass sie das nicht machen soll. Weil es die Haare schaedigt. Schon nach einem Monat hat das sowas altes-Ehepaar-maessiges:
“Plaette dir doch nicht die Haare.”
–“Doch, ich schau sonst haesslich aus.”
“Du schaust nicht haesslich aus.”.
Tausend Mal.

Am Tisch, alle drei so halb-angezogen. Warme Luft, Vormittagssonne, Mainstream-Radio, ein ganz leichter Waschmaschinengeruch: “Frische” will ich sagen.

“Ich dachte ihr schlaft noch. Ich wusste nicht, dass ihr schon so aktiv seid.”, sagt Joseline, die spitzzuengige, ueberschminkte Schwester. In dem einen Monat den ich sie kenne hat sie bereits zwei Freunde verschlissen. Vor einer Stunde kam sie falschesten aller Momente in’s Schlafzimmer. Nancy schimpft halbherzig. Ich grinse und giesse etwas Orangensaft nach.

Mittlerweile bin ich sowas von angekommen. In den letzten fuenf Jahren bin ich staendig umhergezogen. Oberbayern. Dann zwei Jahre Frankfurt/Oder. Ein Jahr Berlin, Schoenhauser Allee. Ein Jahr Frankfurt, am Grenzuebergang. Ein Jahr in Berlin Schoeneberg. Jetzt vier Monate Mexiko. Ich brauche nicht mehr lange, um “da” zu sein.

Ich bin da und koennte bleiben. In the land of plenty.

Zum verzweifelten Wolf

Januar 5, 2008 by goneastray

Mexico ist 1000 Lichter. Ein Dauerpoppersrausch hat auch was Angenehmes. Aufgepasst, die Party naht: Wir kommen durch die Nacht.

Es duerfen halt nur weder Geld noch Drogen ausgehen. Und schluss, schluss, schluss. Finito chicita, das war ein Streit zu viel. Oh bitte, bitte, bitte: Bitte nicht schwanger. Die ersten fuenf Tage geht ja nicht. Aber Sperma ueberdauert vier Tage, angeblich. Wie ich mein Glueck kenne, ueberdauert es zehn Tag und zeugt Drillinge.

Das Piercing ist raus.

Ich schreibe nur was ich sehe und sehe nur was alle sehen. In der Cantina namens und selber nurmehr: “Der verzweifelte Wolf”.

Natuerlich bin ich hackendicht. Keiner erwarte noch irgendwas von mir ausser deplaziertester Kotzaction.

Ich bin wieder Airen, der Antiheld zwischen den Welten.

Die Schreibe hat wieder uebernommen.

Ein Wodka bitte.