Veracruz

“Erst ma kacken, Alter.”. Vorsichtig lasse ich mich auf der knallroten, unbedeckten Schuessel nieder. Denn noch immer gibt es Momente, in denen ich Deutsch denke und spreche.

Das Unangenehme an diesem Klo hier in Veracruz ist die fehlende Spuelung. Deswegen neben meinen Fuessen die Plastikschuessel voll Wasser aus dem grossen Fass im Hof. Dort regiert Booker, saugeiler Kampfhund, Freund von mir, andere story. Das Dumme an der Schuesseltechnik ist, dass man das Wasser erst nach dem Scheissen zugibt und nicht schon mal vorspuelen kann, wenn nach ein zwei Murmeln langsam der Geruch ankommt. Und ich schwitze.

Veracruz ist extrem heiss, ueber 30 Grad tagsueber. Die ersten Naechte haben wir das Bettlaken in kaltem Wasser getraenkt; am Morgen war es furztrocken und die Haut mit dutzenden kleinen Moskitobissen uebersaet. Fuer diese Hitze wiederum ist die Schuesseltechnik wie geschaffen: Tagsueber schliesse ich mich alle halbe Stunde in einem kleinen Badehaeuschen neben dem Klo ein und giesse mir ein paar Schuesseln Wasser ueber den Kopf. Die Badehose habe sich seit Tagen nicht ausgezogen.

Veracruz war eine weitere glueckliche Wendung, ein Geschenk des Himmels, wir sehen: Gott ist mit den Tunichtguten. Ich habe seit Dezember nicht gearbeitet, keinen Strich getan, nur Atteste gefaelscht, silberne Manschettenknoepfe verkauft, die Steuererklaerung gemacht und zwischendurch mal die Fender verpfaendet. Vor einer Woche, als ich schon fast auf die Idee kam mir Arbeit zu suchen,  kam von Nancys Mutter der Vorschlag mit Veracruz, die Familie besuchen.  Und bei der sind wir jetzt schon seit einer Woche und verbringen die Tage am Meer. Die Straende sind leer, das Wasser sauber und reich an Fischen und anderem Getier. Ich trage einen Krebsbiss am Daumen und zwei an den Zehen.

Und Veracruz fuehlt sich saugut an. Mexico City begann mich zu langweilen, ich hatte das Meiste gesehen, der Geruch stoerte nurnoch, der Verkehr war ein taeglicher Kampf, Mexico City war nur eine Megastadt gone bad. Veracruz ist wieder bunter, die Menschen dunkler, ein unaufdringlicher Touristenort mit viel Palmen, Grand Hotels und abends gebratenem Scheiss. Veracruz riecht nach Urlaub, nach Sonnenoel, nach Meeresfruechten, und ein bisschen auch nach Geld. Nancy und ich werden hier herziehen, das habe ich gerade in dieser stickigen Toilette beschlossen.

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