Con Carlos

Das Neue an diesem ganzen Mexico-Experiment sind ja nicht die Palmen, die farbigen Haeuser, die fettigen Tacos, das langgezogene Spanisch. Fuer mich ist es die voellige Einbettung in eine einfache, schlichte Arbeiterfamilie: Nancys Karriere verlief zwischen einem Marktstand mit Puppen, einem Bankschalter und dem eigenen Saft- und Sandwichladen. Ihr Vater faehrt Krankenwagen, ihre Mutter verkauft Kerzen in einer Kirche. Die Leute die staendig bei meiner Vermieterin, Nancys Oma Doña Tina, zu Besuch sind, das sind die Putzfrau Carmen, der alte Schlosser Chucho, die dicke Chavella, die von den Alimenten ihres Ex-Mannes lebt. Und mein Mitbewohner, die kleine schwule Chiquis, ist gerade von ihrem Job als Kuechenhilfe gefeuert worden, wegen ihrer staendigen Sauferei.

Das sind alles einfache Leute ohne Allueren, und die Gespraeche bestehen aus Klatsch aus der Nachbarschaft, den letzten Neuigkeiten im Verwandten- und Bekanntenkreis, und, naja, Wetter, Essen, usw. Das wird dann mit althergebrachten Weisheiten, Spruechen und tausendmal gehoerten Witzen kommentiert. Und ich bin da gerne dabei und wundere mich manchmal, wie gut ich mich da einfinde. Aber manchmal sehne ich mich doch nach meinem Penthouse im Elfenbeinturm, und gehe zu Carlos.

Dann gehe ich vor die Tuer, ueber die im Freien stehende Treppe, die die beiden Haeuser verbindet, links unten die ganzen Toepfe mit dem Gruenzeug, nur ein Stockwerk nach oben und klopfe gegenueber an der Tuer mit dem Gitter. Normalerweise wird das mit einem hektischen Bellen beantwortet. Dann geht die Tuer auf, Africa springt mich an, ein kleiner weiss-grauer Wuschelhund, dann blicke ich in das grinsende Gesicht von Carlos. Carlos: Gross, sportlich, kurze Normalofrisur, studentisch-kleine Hornbrille, immer etwas derangiert, schlecht rasiert, schiefe Zaehne im breiten Mund, freundlich, ein wenig abwesend.

Dann reicht er mir seine Pranke, einmal klatschen, einmal die Faeuste zusammen, und dann kommen wir ganz schnell zwischen Tuer und Angel auf Grundsaetzliches. Carlos’ Staerke: Kapitalismuskritik. Carlos ist einer, der vom Wetter zum Klimawandel kommt, dem es gar nicht theoretisch genug zugehen kann. BWL-Absolvent, zwischen Kant und Marx gefangen, verdient sich Carlos seine Pesos momentan in den Bussen.

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Mit der Gitarre auf dem Ruecken zieht er dann los zur Eje Sur, bittet mit vorgehaltenem Instrument den Busfahrer um Einlass und stellt sich dorthin, wo Platz ist. Dann faengt er einfach an, schlaegt ein paar Akkorde, und spaetestens wenn er mit sicherer Stimme anfaengt zu singen ueber Leben, Liebe und die Sorgen des einfachen Mannes, kann man im Bus eine Nadel fallen hoeren.

Und wenn es dann regnet und Tropfen leise gegen die Scheiben tupfen, dann wird der Heimweg von der Arbeit, die abgewetzte Aktentasche, das eingeschlafene Kind im Arm des Vaters, dann wird dieser ganze abgefuckte Bus im Feierabendverkehr von Mexiko City zum Symbol des ewigen kleinen Kampfes um’s Ueberleben. Ein, zwei Leute steigen aus, eine ueberschminkte Alte mit schlecht gefaerbten Haaren steigt zu, und Carlos singt. Manchmal uebertoent seine Stimme die Gitarre so laut, dass auch die in den ersten Reihen sich umdrehen und sich ein bisschen beschaemt fuehlen. Und Carlos ist ganz bei sich.

Nach fuenf sechs Liedern ist Schluss:

“Guten Abend señores und señoras. Mein Name ist Carlos. Ich hoffe es hat Ihnen gefallen. Es wuerde mich freuen, wenn Sie mir mit etwas Kleingeld helfen koennten. Vielen Dank und einen schoenen Abend.”

Dann geht der Diplomoekonom Carlos durch die Reihen und sammelt aus ziemlich vielen Haenden ziemlich wenige Pesos ein. Und als waere nichts gewesen kommt er zurueck mit seiner Gitarre, grinst breit und sagt: “Mann Alter, was fuer ein Regen.”.

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Sonntag: Wir fahren in die Marqueza, mexikanisches Voralpenland, ohne Musik, Radio und Boxen wurden geklaut, waehrend wir in Deutschland waren. Ich fahre. In Mexiko – das ist ja der absolute Witz – kauft man sich den Fuehrerschein einfach.

Auf dem Beifahrersitz Nancy, die nach hinten gebeugt ganz angeregt mit Sandkastenfreund Carlos ratscht, der wiederum eine wild wuselnde Africa im Arm haelt und erfolglos das Gespraech auf Kapitalismuskritik zu lenken versucht. Der Verkehr aus Mexiko City heraus ist dicht aber schnell, und die Landschaft wechselt in Minutenschnelle von seelenloser, hoher Bueroarchitektur ueber Tankstellenwueste zu huegeliger Schnellstrasse im Nadelwald: Das ist schon die Marqueza.

Es gibt festgelegt Aussteigepunkte, da sammeln sich die Staedter zwischen Tacostaenden und Go-Kart-Bahnen zum Naturerlebnis. Aber weiter, gegenueber, ist ein Berg, leere Felder, und oben ein Wald, und da fahren wir jetzt hin.

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Wir biegen ab von der Schnellstrasse, kommen ueber steilen Zement ins Dorf und stellen das Auto oben ab, am Rand zu den Feldern.

Africa springt aus dem Fenster und jagt einen noch kleineren Hund unter den naechstgelegenen Kaefer. Carlos rennt hinterher. Nancy holt die Wasserflasche aus dem Kofferraum, ich schnalle mir den Rucksack mit den Sandwiches auf.

Nach oben, zu den Feldern, ein Weg zwischen Bungalows und Baracken, kein Mensch, nur die Vorgaerten bevoelkert mit Truthaehnen und Eseln, die Einfahrten mit klapprigen Hunden. Dann ein staubiger Pfad zwischen staubigen Feldern, links Agaven, rechts Mais. Dann nur noch Feld, steile rotbraune Erde, Africa in einer Staubwolke um uns herum. Wir schwitzen. Ploetzlich die Schlange, klein, schwarzundweiss. Schlaengelt sich weg. Dann der Wald, wie eine Wand. Wir blicken noch einmal zurueck, die Felder in rotem Gold, das Dorf, wie abgelegt, die Schnellstrasse, der gegenueberliegende Berg, der koennte auch an der Mosel liegen.

Dann rein. Nur der Anfang ist schwer, das Gestruepp, dann liegt ein steiler Hang vor uns, rotes rutschiges Laub im Schatten der Baeume. Kein Weg.

Wir steigen los, kaempfen und wortlos nach oben. Zehn Minuten. Jetzt kreuzt doch ein Trampelpfad, wir gehen links, da scheint es nach kurzer Diskussion nach oben zu gehen. Und bald treten wir aus dem Wald in sanftes Nachmittagslicht, schon der Gipfel, wieder ein baumloses staubiges unbestelltes Feld, darueber nur Himmel.

Durch Staub stapfen wir zum hoechsten Punkt, und Schritt fuer Schritt erschliesst sich eine fussballfeldgrosse Hochebene, mit Schafen gegenueber, zwei Hirten, kurz der Gedanke: Rauben die uns jetzt aus?, und ein gepflasterter Weg, der eine Schleife durch die Gegend zieht.

Am Rand des Weges lassen wir uns auf einer Grasnarbe nieder, die Hirten im Blick, die Hirten uns im Blick. Ich hole die Sandwiches raus und Carlos aus dem Nichts eine Sardinendose und einen Dosenoeffner. Alles wird gerecht durch vier geteilt, hungrig gegessen, dann geratscht bei Zigarette. Wie Nancy mal Faschingsprinzessin in ihrem Dorf in Oaxaca war, wie ich in Goa mal in einer stickigen indischen Nacht Freundschaft mit dem Bahnhofsvorsteher schloss, wie sie Carlos mal als Kind das Fahrrad geklaut haben (“Du hast so ein schoenes Fahrrad, darf ich das mal ausprobieren?”), daraus abgeleitet Kapitalismuskritik. Dann etwas Wasser fuer Africa in die Konservendose, ihre Nase hektisch stubsend links und rechts davon, Carlos: “Die ist so bloed.”, dann wird es auch schon kuehl und Zeit fuer den Abstieg.

Das geht so schnell, das Feld, der Laubhang, halb springend halb rutschend, die Agavenfelder, ein Esel in der Mitte des Weges, das Auto aufgeschlossen, die Hosen abgestaubt, eine Drehung im Schloss, und schon sind wir auf der Schnellstrasse.

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In Mexiko City, auf der Reforma, schnarcht Carlos schon, den Kopf im Nacken auf der Rueckbank abgelegt, und Africa, ganz ruhig, im Arm.

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