Archiv für April 2008

The other side

April 30, 2008

Es zieht. Nancy drueckt meine Knie noch weiter nach unten, da kommt es ueber den Zaun: “Deine Eier!”. Es sind die saudummen Bauarbeiter, die den Sportplatz in Caracoles ausbauen und bereits seit einer guten Weile herglotzen als waere Hernán Cortéz gerade eben erst an Land gegangen. Ich presse meine Augen zusammen, schwitze noch ein bisschen mehr und denke erstmal ich hab nicht richtig gehoert.
“¡Güerito!” jetzt. Das lasst keine Zweifel mehr offen. “Güero”, Bleicher, werde ich hier bei jeder Gelegnheit genannt:

“Was darf’s sein, Bleicher?”
“Mit was drauf, Bleicher?”
“Zum Mitnehmen Bleicher?”
“Macht 15 Peso, Bleicher.”

Nach einem halben Jahr in Mexiko habe ich mich langsam an diesen Sonderstatus gewoehnt. Daran, in jedem Restaurant die Rechnung nachrechnen zu muessen, weil man mich als Weissen fuer reich haelt und somit bescheissen darf. Daran, an jeder Ecke angestarrt zu werden wie im Zoo, an vorbeifahrende Busse mit zwanzig auf mich gerichteten Augenpaaren. Als “Bleicher” angeredet zu werden, auch wenn mir das jedes Mal schraeg einfaehrt. Das ist die gewoehnliche Diskrimination, reverser Rassismus, hab ich jeden Tag. Aber einfach so bei Dehnuebungen dumm auf meine Eier angelabert zu werden, das ist neu.

Wir wechseln, ich schau nicht mal, und druecke nun Nancys Beine auseinander.
“Stinkt nach Muschi.”

Jetzt seh ich doch rueber und erkenne unter den Baeumen zwei Jungs in weiten Gangsterklamotten, der eine fett, auf einen Spaten gelehnt, der andere kleiner, mit Milchbart und ausrasierten Seiten. Kaugummikauend, abwartend.

Naja, lachen, “Auf geht’s Nancy, sechs Runden.”.
Ich schalte die Mucke an, Jeff Mills und Green Velvet, das ist alles was geblieben ist vom Tresor, von durchgewachten Wochenenden, als alles nur der Moment war, eine zukunftslose Insel im Glueck, als diese Nachmittage im Sommer mit der Bong, oh scheisse, als ich noch allein war und so reich an Empfindung, als mir jeder verfickte Grashalm in’s Bewusstsein schlug wie glaenzender Strom, und jetzt: Green Velvet im MP3-Player auf der Aschebahn. Ich meine, ich lass mir von meiner Freundin die Fussnaegel schneiden.
Abgesehen von dieser einen Woche in Berlin – und selbst da habe ich viel zu wenig Drogen genommen – bin ich seit Monaten frei von illegalen Substanzen. Ich sauf nur noch einmal die Woche. Ich liege bei einer Zigarette taeglich, abends. Ich mache Sport! Alles laeuft aus dem Ruder…

Nach sechs Runden, zwischen Liegestuetzen und Oberschenkeldehnung, Nancy: “Die haben mir jede Runde nachgerufen. Ich scheiss die jetzt bei ihrem Chef an.”. Ich bin dabei.

Hinter der Baracke, mit dem Bleistift hinterm Ohr, steht der Ingeniero, ueber Papier gebeugt. “… und haben uns jede Runde was nachgerufen, nur weil er Deutscher ist.”. Der Chef ist auch dabei.
Wir ueberqueren den Sportplatz, und hinter dem Zaun stehen schon die beiden Prolos, glotzen ganz unglaeubig, diesmal den Chef an. Fangen an zu arbeiten wie wild. Als wir fast da sind, packt der Kleine seine Schubkarre und zieht an uns vorbei. “Was willst du mit der Schubkarre? Komm mit.”. Der Chef ist jetzt ganz deutlich sauer. Es gibt Anschiss, vom Feinsten. Der Dicke nimmt sein Cap vom Kopf und kratzt sich, wie ein Affe, echt, sorry. “Beim naechsten Mal fliegt ihr raus.”.

Ich kann es echt nicht glauben.

Ich war immer der, der von weitem den Lehrer kommen sah, mit einem frisch Entwuerdigten im Schlepptau. Der mit 13 Stueck jahrelang den Verweis-Rekord am Finsterwalder-Gymnasium hielt, bis 2000 der Fischer beim Spicken erwischt wurde. Der eine halbe Stunde beim Chef im Zimmer sass, weil der Personalchefin in der Kantine die Worte gefehlt hatten.
Jetzt stehen mir zwei gruebelnde Jungs gegenueber und drucksen muehsam ein “Perdon” hervor. Ich kann’s echt nicht glauben. Dass ich auf der anderen Seite stehe.

Con Carlos

April 23, 2008

Das Neue an diesem ganzen Mexico-Experiment sind ja nicht die Palmen, die farbigen Haeuser, die fettigen Tacos, das langgezogene Spanisch. Fuer mich ist es die voellige Einbettung in eine einfache, schlichte Arbeiterfamilie: Nancys Karriere verlief zwischen einem Marktstand mit Puppen, einem Bankschalter und dem eigenen Saft- und Sandwichladen. Ihr Vater faehrt Krankenwagen, ihre Mutter verkauft Kerzen in einer Kirche. Die Leute die staendig bei meiner Vermieterin, Nancys Oma Doña Tina, zu Besuch sind, das sind die Putzfrau Carmen, der alte Schlosser Chucho, die dicke Chavella, die von den Alimenten ihres Ex-Mannes lebt. Und mein Mitbewohner, die kleine schwule Chiquis, ist gerade von ihrem Job als Kuechenhilfe gefeuert worden, wegen ihrer staendigen Sauferei.

Das sind alles einfache Leute ohne Allueren, und die Gespraeche bestehen aus Klatsch aus der Nachbarschaft, den letzten Neuigkeiten im Verwandten- und Bekanntenkreis, und, naja, Wetter, Essen, usw. Das wird dann mit althergebrachten Weisheiten, Spruechen und tausendmal gehoerten Witzen kommentiert. Und ich bin da gerne dabei und wundere mich manchmal, wie gut ich mich da einfinde. Aber manchmal sehne ich mich doch nach meinem Penthouse im Elfenbeinturm, und gehe zu Carlos.

Dann gehe ich vor die Tuer, ueber die im Freien stehende Treppe, die die beiden Haeuser verbindet, links unten die ganzen Toepfe mit dem Gruenzeug, nur ein Stockwerk nach oben und klopfe gegenueber an der Tuer mit dem Gitter. Normalerweise wird das mit einem hektischen Bellen beantwortet. Dann geht die Tuer auf, Africa springt mich an, ein kleiner weiss-grauer Wuschelhund, dann blicke ich in das grinsende Gesicht von Carlos. Carlos: Gross, sportlich, kurze Normalofrisur, studentisch-kleine Hornbrille, immer etwas derangiert, schlecht rasiert, schiefe Zaehne im breiten Mund, freundlich, ein wenig abwesend.

Dann reicht er mir seine Pranke, einmal klatschen, einmal die Faeuste zusammen, und dann kommen wir ganz schnell zwischen Tuer und Angel auf Grundsaetzliches. Carlos’ Staerke: Kapitalismuskritik. Carlos ist einer, der vom Wetter zum Klimawandel kommt, dem es gar nicht theoretisch genug zugehen kann. BWL-Absolvent, zwischen Kant und Marx gefangen, verdient sich Carlos seine Pesos momentan in den Bussen.

***

Mit der Gitarre auf dem Ruecken zieht er dann los zur Eje Sur, bittet mit vorgehaltenem Instrument den Busfahrer um Einlass und stellt sich dorthin, wo Platz ist. Dann faengt er einfach an, schlaegt ein paar Akkorde, und spaetestens wenn er mit sicherer Stimme anfaengt zu singen ueber Leben, Liebe und die Sorgen des einfachen Mannes, kann man im Bus eine Nadel fallen hoeren.

Und wenn es dann regnet und Tropfen leise gegen die Scheiben tupfen, dann wird der Heimweg von der Arbeit, die abgewetzte Aktentasche, das eingeschlafene Kind im Arm des Vaters, dann wird dieser ganze abgefuckte Bus im Feierabendverkehr von Mexiko City zum Symbol des ewigen kleinen Kampfes um’s Ueberleben. Ein, zwei Leute steigen aus, eine ueberschminkte Alte mit schlecht gefaerbten Haaren steigt zu, und Carlos singt. Manchmal uebertoent seine Stimme die Gitarre so laut, dass auch die in den ersten Reihen sich umdrehen und sich ein bisschen beschaemt fuehlen. Und Carlos ist ganz bei sich.

Nach fuenf sechs Liedern ist Schluss:

“Guten Abend señores und señoras. Mein Name ist Carlos. Ich hoffe es hat Ihnen gefallen. Es wuerde mich freuen, wenn Sie mir mit etwas Kleingeld helfen koennten. Vielen Dank und einen schoenen Abend.”

Dann geht der Diplomoekonom Carlos durch die Reihen und sammelt aus ziemlich vielen Haenden ziemlich wenige Pesos ein. Und als waere nichts gewesen kommt er zurueck mit seiner Gitarre, grinst breit und sagt: “Mann Alter, was fuer ein Regen.”.

***

Sonntag: Wir fahren in die Marqueza, mexikanisches Voralpenland, ohne Musik, Radio und Boxen wurden geklaut, waehrend wir in Deutschland waren. Ich fahre. In Mexiko – das ist ja der absolute Witz – kauft man sich den Fuehrerschein einfach.

Auf dem Beifahrersitz Nancy, die nach hinten gebeugt ganz angeregt mit Sandkastenfreund Carlos ratscht, der wiederum eine wild wuselnde Africa im Arm haelt und erfolglos das Gespraech auf Kapitalismuskritik zu lenken versucht. Der Verkehr aus Mexiko City heraus ist dicht aber schnell, und die Landschaft wechselt in Minutenschnelle von seelenloser, hoher Bueroarchitektur ueber Tankstellenwueste zu huegeliger Schnellstrasse im Nadelwald: Das ist schon die Marqueza.

Es gibt festgelegt Aussteigepunkte, da sammeln sich die Staedter zwischen Tacostaenden und Go-Kart-Bahnen zum Naturerlebnis. Aber weiter, gegenueber, ist ein Berg, leere Felder, und oben ein Wald, und da fahren wir jetzt hin.

***

Wir biegen ab von der Schnellstrasse, kommen ueber steilen Zement ins Dorf und stellen das Auto oben ab, am Rand zu den Feldern.

Africa springt aus dem Fenster und jagt einen noch kleineren Hund unter den naechstgelegenen Kaefer. Carlos rennt hinterher. Nancy holt die Wasserflasche aus dem Kofferraum, ich schnalle mir den Rucksack mit den Sandwiches auf.

Nach oben, zu den Feldern, ein Weg zwischen Bungalows und Baracken, kein Mensch, nur die Vorgaerten bevoelkert mit Truthaehnen und Eseln, die Einfahrten mit klapprigen Hunden. Dann ein staubiger Pfad zwischen staubigen Feldern, links Agaven, rechts Mais. Dann nur noch Feld, steile rotbraune Erde, Africa in einer Staubwolke um uns herum. Wir schwitzen. Ploetzlich die Schlange, klein, schwarzundweiss. Schlaengelt sich weg. Dann der Wald, wie eine Wand. Wir blicken noch einmal zurueck, die Felder in rotem Gold, das Dorf, wie abgelegt, die Schnellstrasse, der gegenueberliegende Berg, der koennte auch an der Mosel liegen.

Dann rein. Nur der Anfang ist schwer, das Gestruepp, dann liegt ein steiler Hang vor uns, rotes rutschiges Laub im Schatten der Baeume. Kein Weg.

Wir steigen los, kaempfen und wortlos nach oben. Zehn Minuten. Jetzt kreuzt doch ein Trampelpfad, wir gehen links, da scheint es nach kurzer Diskussion nach oben zu gehen. Und bald treten wir aus dem Wald in sanftes Nachmittagslicht, schon der Gipfel, wieder ein baumloses staubiges unbestelltes Feld, darueber nur Himmel.

Durch Staub stapfen wir zum hoechsten Punkt, und Schritt fuer Schritt erschliesst sich eine fussballfeldgrosse Hochebene, mit Schafen gegenueber, zwei Hirten, kurz der Gedanke: Rauben die uns jetzt aus?, und ein gepflasterter Weg, der eine Schleife durch die Gegend zieht.

Am Rand des Weges lassen wir uns auf einer Grasnarbe nieder, die Hirten im Blick, die Hirten uns im Blick. Ich hole die Sandwiches raus und Carlos aus dem Nichts eine Sardinendose und einen Dosenoeffner. Alles wird gerecht durch vier geteilt, hungrig gegessen, dann geratscht bei Zigarette. Wie Nancy mal Faschingsprinzessin in ihrem Dorf in Oaxaca war, wie ich in Goa mal in einer stickigen indischen Nacht Freundschaft mit dem Bahnhofsvorsteher schloss, wie sie Carlos mal als Kind das Fahrrad geklaut haben (“Du hast so ein schoenes Fahrrad, darf ich das mal ausprobieren?”), daraus abgeleitet Kapitalismuskritik. Dann etwas Wasser fuer Africa in die Konservendose, ihre Nase hektisch stubsend links und rechts davon, Carlos: “Die ist so bloed.”, dann wird es auch schon kuehl und Zeit fuer den Abstieg.

Das geht so schnell, das Feld, der Laubhang, halb springend halb rutschend, die Agavenfelder, ein Esel in der Mitte des Weges, das Auto aufgeschlossen, die Hosen abgestaubt, eine Drehung im Schloss, und schon sind wir auf der Schnellstrasse.

***

In Mexiko City, auf der Reforma, schnarcht Carlos schon, den Kopf im Nacken auf der Rueckbank abgelegt, und Africa, ganz ruhig, im Arm.

Desaster

April 11, 2008

Einfach aufstehen - nicht besoffen wirken. Noch schnell den Rest 100 Años - Tequila wegziehen. Nicht der Kellnerin in die Augen sehen, das koennte “einfach aufstehen - nicht besoffen wirken” ernsthaft entgegen wirken. Rausgehen, nicht wanken: Es regnet.

Die Regenzeit in Mexiko hat angefangen, das sehe ich nicht als Omen. Es riecht wieder so leicht nach Mist, das sehe ich nicht als Metapher. Es riecht eher so suesslich nach Mist; aber ich rieche auch seit kurzem rechts eher schlecht, genauer seit ich Nancys Schlankheitspille weggezogen habe und es dann auf links irgendwie gar nicht mehr ausprobieren wollte.

Ich bin einen guten Tag in Mexiko und eigentlich nur am Reagieren. Am Flughafen warten Doña Tina und Nancys Vater und ich will auf einmal gar nicht raus, nur zurueck nach Berlin, weil da viel zu viel unfinished business to do ist. Heute morgen auf der Delegacion, der Polizeistation, bei der Nancy ihren letzten Vor-Gerichtstermin hat, gegen die Ex-Freundin, ich stehe da europaeisch-imposant rum und schaue boese.

Jetzt regnet es halt wirklich arg.

Berlin war eigentlich ein Desaster..

Montag:

Ankommen, trinken, kiffen.

Dienstag:

Sightseeing, abends Pippin im Magnet. Pippin ist etwa fuenf Zentimeter groesser als ich. Zwei zweitkleinste Jaegermeister auf dem Weg in seine Wohnung in der Torstrasse, dann eine Flasche Wodka im Spaetkauf. Pippin: “Das reicht nicht.” Mehr weiss ich auch nicht.

Mittwoch:

Weiss ich auch nicht.

Donnerstag:

Sightseeing. Abends saufen mit Nancy und Cousine. Dann mit Cousine ins Weekend, Nancy zieht trotzig aus der Wohnung aus. Zum Weekend kann ich ebenfalls wenig sagen, nur dass ich am naechsten Morgen feststelle, dass dort Laurent Garnier auflegte.

Freitag:

Saufen, Panoramabar mit Nancy. Ein ganzes schlechtes und ein halbes gutes Teil. Speed. Langer Filmriss. Ins Zimmer von Cousine geschlichen, um Gras zu holen. Das Gleiche eine Stunde spaeter ohne Unterhosen. Rausgeschmissen worden.

Samstag:

Hotel, sightseeing, katering.

Sonntag:

Keine Erinnerung. Ach nee: Abends Roses, dann Franken Bar.

Montag:

Potsdam, Sanssouci, unter Weltkulturerbebaum geschissen.

Dienstag:

Netter Fucker, drei Flaschen Wein, schnelle Gespraeche, Mininase Pep, aufstehen um sechs.

Mittwoch:

Rueckflug. Feststellung: Desaster.