Ein Anfang
Die Hangzhou-Station in Shanghai ist die groesste Bahnstation Chinas, West-Shanghai, ein roehrenfoermiges Terminal, es geht hier direkt zum internationale Flughafen Hongqiao. Ein Grossteil der Reisenden sind Auslaender. Auf dem gegenueberliegenden Rollband kommen dir ploetzlich blonde Mittzwanziger in Massanzug und VW-Tasche entgegen, hier findet auf einmal am oestlichsten Rand Chinas der Wiedereintritt in die westliche Welt statt.
Tyler steht nervoes auf der mittleren Plattform. Neben ihm ein grosser silberner Rollkoffer. Tylers Kopf nickt leicht. Hinter der Sonnenbrille haben sich seine Augen etwas zusammengezogen. Wenn man genau hinsieht, kann man sehen, dass er auf etwas kaut. Tyler hoert Techno. Es faellt ihm schwer, stillzustehen. Aus Angst vor der Flughafenkontrolle hatte er im Hotelzimmer zuletzt noch schnell das restliche Koks weggezogen und waere dann im Fahrstuhl beinahe kollabiert. Jetzt ist die Wirkung fast optimal. Er fuehlt sich frisch und energiegeladen, er steht jetzt mitten im Club und nickt dem Beat zu, und er gaebe ein Koenigreich fuer einen Kaugummi.
Der I-Pod laeuft, und stattdessen kaut er sich schon wieder die Wangen wund. Hangzhou ist sein Reich, da steht gerade ein technogemaesser Circle um ihn rum, da werden im Verstaendnis gerade drei Dimensionen voraus gestezt. Tyler sieht das ganz cool und hoert ein bisschen mehr auf Richie Hawtin, und weiss, dass er in zwoelf Stunden zuhause sein wird. Im Berghain. Und dass dann alles okay ist. Und findet den Kaugummi in der rechten Sackotasche. Der Flug geht ab zwanzig Uhr. Sogar der Stuart weiss, dass er rechtzeitig um zwei im Berghain sein wird. Dass dann gar keine Regel mehr gelten wird. Dass dann alles okay sein wird.
Tyler steht noch immer auf der mittleren Plattform, in der Vorstadt von Shanghai.
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Power geht auf Technoparties, seit er 15 ist. Die erste Party war ein Trockennebelrave im Nachbarfdorf, Power und sein Cousin Schorsch steigen aus dem Bus am Rathaus und laufen durch die bayrische Nacht besoffen dem Sound entgegen. Fuenfzig Leute in der Festhalle vom Schuetzenverein, billige Anlage, alle besoffen, alle drauf. Aber bei Power hat es Klick gemacht.
Ab dann jedes Wochenende, immer weiter hinaus, in immer groessere Clubs, nach Muenchen, zu Rave on Snow, zur Love Parade, eh klar. Ein Berufsraver. Die Schlaghosen gehoerten dazu. Techno gehoerte dazu.
Irgendwann liess er sich mal in Amsterdam auf einer Ueberdosis Speed “I’ve got the power” in Frakturschrift auf die bleiche, nach innen gewoelbte Brust taettowieren.
Oberbayern, Bauernhaus. Die Eltern haben sich jahrelang die Finger als Klempner wundgearbeitet, ehrlich bis auf die Knochen den Kredit abbezahlt. Der Bruder ist im Gemeinderat, man kennt den Beruf der Nachbarn, in die Messe geht man nicht mehr; aber wenn in Stephanskirchen bei Rosenheim Starkbierfest ist, gehoert die Familie Leitkirchner zu den Sponsoren. Man steht in den gelben Seiten, und wer nicht gruesst ist ein Grantler, man steht sicher auf der sicheren Seite: Die Leitkirchners sind ein fester Begriff im Stephanskirchner Gemeindeleben.
Was die Leitkirchers nicht wissen, ist dass gerade Session im Zimmer ihres Sohnes Schorsch ist, dass sich da gerade fuer ein paar Bauernjungs Welten oeffnen, dass Stephanskirchen gerade zum wahrnehmungsmaessigen Mittelpunkt der Erde wird.
Wir hoeren jetzt Led Zeppelin, in Abwechslung mit dem neuesten Berlin-Sound, es ist Gras da beim Leitkirchner und die lokale Kiffer-Elite hat sich eingefunden.
Da sitzt ein Haufen Verlierer beisammen, einer lustiger als der andere. Die Flasche kreist, der Geldschein hinterher. Jeder schnupft sein Naeslein, keine Bemerkungen, Konsum ist in dieser Atmosphaere ein absolut angemessenes Mittel. Alles ist in dieser Atmosphaere moeglich und der Chiemsee ein Ozean.
Wir treten hier auf voellig neues Terrain. Der Raum ist voller Rauch, man hat sich an der Mutter mit einem “Servus!” vorbeigeschlaengelt, man sitzt jetzt vollig relaxed im abgeschlossenen Zimmer, der Corbi haelt die Bong beilaeufig in der rechten Hand und macht auf dem “Chicas”-Flyer eine 1:1. Hasch-Tabak-Mische zurecht. Der Corbi hat eh den Flow weg, jeder weiss das, wenn der Corbi rockt ist der Sound gut. Corbi schwitzt, Power freut sich, Schorsch pennt schon von den zwei Loewenbraeu vorher weg.
Mit der Zeit in der Szene, und da kann gar nicht genug vergehen, gewoehnt man sich an immer mehr, und der Schorsch, der sich gerade von zwei Hefeweizen breit fuehlt, ist in 2012 entweder Alkoholiker oder ganz krass in Berlin abgestuerzt, hat dann auch den Kotti kennengelernt, oder, im schlimmsten Fall: ist der Gesellschaft anheim gefallen, ein Dutzendmensch geworden, suechtig nach Bestaetigung.
Power, Corbi, Schorsch: Typen von dem Schlag, die man immer noch auf einen Drink ueberreden kann. Auch wenn da gerade Oberbayern das Zentrum ist, haben da so einige das Universum verstanden, den Range des Sounds, und wenn der Corbi ansagt, sollte so ziemlich jeder im Zimmer aufpassen.
März 12, 2008 um 6:29 Uhr vormittags
[...] “So, und nun gehe ich einen Mann dazu überreden, mir Bier zu kaufen.” // “Gestern statt Ficken Fressflash.” // “Memo an mich selbst: Freundin verbieten das eigene Blog zu lesen.” // “Die letzten Wochenenden war ich nicht allein, also hieß es was unternehmen. Außerhalb des Bettes.” // “Und noch etwas stört: Die Romanheldin Helen ist permanent geil. Jede einzelne ihrer Körperflüssigkeiten scheint sie in Stimmung zu bringen, zu Spielchen anzuregen, deren Hauptbestandteil ihr eigener Leib ist.” // “Ich will Zigaretten, die schön machen und Freunde, die kotzen gut finden.” // “Was die Leitkirchers nicht wissen, ist dass gerade Session im Zimmer ihres Sohnes Schorsch ist, dass…“ [...]