Past, Future, Reality: Ausblick

Der beschissenste Sound, der dich aus deinem versoffenen Schlaf in einen verkaterten Freitagmorgen katapultieren kann, ist mexikanisches Fruehstuecksfernsehen:

“Y ahorita, ¡que paaadreee! (Zwischenkreisch der schoenoperierten Mitmoderatorinnen) vemos a la nueva colección de un amigo que siempre..

“Oh fuck Nancy, bitte, mach das aus…”.

Wie gesagt, es ist Freitagmorgen..

Die offizielle Version

“Vom 23.12.2007 bis 6.01.2008 habe ich Urlaub genommen. Ab dem 07.01. habe ich im 10. Stock gearbeitet, da mein Stuhl im 14. besetzt war. Deswegen hat man mich dort auch nicht gesehen.
Vom 13.01. bis 15.01. war ich auf einem spontanen Kurztrip mit meiner Freundin nach Cuernavaca, weswegen ich die Mail vom 13.01. leider weder lesen noch beantworten konnte. Dass ich mich fuer diesen Urlaub nicht vorher abgemeldet habe, tut mir leid.

Vom 16.01. bis 20.01. habe ich gearbeitet.

Am 21.01. wurde ich wegen einer Salmonelleninfektion ins PEMEX-Krankenhaus eingeliefert. Waehrend der ersten Woche war ich aus gesundheitlichen Gruenden nicht in der Lage, Bescheid zu geben. Anschliessend wurde ich bis 15.02. krank geschrieben.

Am Samstag, 16.02. wurde ich nahe der Metrostation Hidalgo von einem unbekannten Fahrzeug angefahren. Ich wurde mit Lesuren und Stauchungen ins staatliche Krankenhaus Ruben Leñero eingeliefert. Die folgenden beiden Wochen verbrachte ich im Bett. Da die Dame, bei der ich wohne Analphabetin ist, konnte sie leider nicht in der Arbeit Bescheid geben. Nun habe ich zwei Nachbarn gebeten, meinen Rollstuhl vom zweiten Stock auf die Strasse zu befoerdern. Deswegen bin ich jetzt auch im Internetcafé und kann Ihnen sagen, dass ich bis einschliesslich 31.03. krankgeschrieben bin. “.

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Nancy kommt gut geschminkt an die Rezeption und uebergibt das Dokument. Es werden Manager und Sekretaerin geholt. Ein pneumatischer Halt, ein gefederter Anlauf, Aufruhr in der Regel. Das kann man erstmal ueberhaupt nicht checken, das hat in der Firma noch keiner gebracht. Die Lederschuhe kehren bemueht zum Aufzug zurueck.

Nancy schlendert zum Auto. Ich reiche ihr meine Camel und: “Was gibt’s?”.

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Die schwarze Kasse

200 Pesos Krankenbescheinigung Krankenhaus PEMEX
120 Pesos Bestechungsgeld Polizei, Trunkenheitsfahrt ohne Fuehrerschein und Licht
100 Pesos Bestechungsgeld Polizei, Falschparken in Einfahrt zu Bank BANAMEX
200 Pesos Polizeistation Caracoles, Beratung durch Polizeibeamten bei Erstattung der Anzeige wegen Raubes gegen Nancy’s Ex-Freundin
100 Pesos Begleitung durch Polizeiagenten zum Haus von Nancy’s Exfreundin
150 Pesos Bestechungsgeld Polizei, Parken auf Fussgaengerueberweg
400 Pesos Krankenbescheinigung staatliches Krankenhaus Ruben Leñero

Reality
Es ist ein seltsames Zeitloch, in das ich gefallen bin. Die Tage vergehen in Mexiko in einer anderen Geschwindigkeit. Der Augenblick wird staerker, Sonne, man nimmt sich Zeit sich hinzusetzen, die Strasse entlang zu sehen, dann auch eine zu rauchen. Und wenn man abends zurueckblickt, gibt es kaum ein Ereignis, an dem man den Tag aufhaengen koennte.
Irgendwie hat mich diese ganze Liebessache von Anfang an an Kiffen erinnert.

Ich kann auch gar nicht genau sagen, was ich seit Anfang Dezember gemacht habe. Viel im Bett gelegen, sicher. Stundenlang ihre Muschi geleckt; da fuehle ich mich heimisch, wie ein warmes Daunenkissen, mit Saftausschank. Gefickt, in guten Restaurants gegessen, Videos geschaut, durch die Stadt gelaufen.
Auto gefahren. Spazieren in La Marqueza, den Ersatzalpen dreissig Kilometer vor Mexico City. Musik gemacht mit Carlos, meinem Nachbarn, einem wunderbar verwirrten Gitarristen, ebenfalls Oekonomieabsolvent, getragen von dem diffusen Plan, Unterricht in Marxismus zu geben. Versucht mich zu erinnern, was fuer ein Monat gerade ist. Im Pervert gedanced, dem einzigen Laden hier, in dem guter Techno laeuft.

Eigentlich verdammt wenig fuer drei Monate. Ich war halt nur nie alleine. But don´t be so stuck on the past.

In zwei Wochen komme ich nach Deutschland: FUTURE
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Hi-Hat Feuer
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Es war auch viel Trotz in der Entscheidung, ein Wegwerfen; mein Leben in Berlin war keinen Pfifferling mehr wert; haetten Malaysia oder Madagaskar gerufen, ich waere genauso gesprungen. Jetzt also Mexiko.

Plan: 15.03.:

Zwischenstop in Amsterdam, ich lasse den Flug nach Berlin sausen und komme direkt mit dem Bus nach Bayern, zu meinen Eltern. Es ist die Ecstasy-Exhibitionismusaktion auf dem Friedhof Neukoelln vor fast zwei Jahren; ich habe seit Monaten die Rate nicht bezahlt, die Chancen auf einen Haftbefehl stehen gut, landen in Tegel waere unklug.
Drei, vier Tage bei den Eltern im Chiemgau: Beruhigen, Moralpredigten ignorieren, jeder Fehltag wurde kolportiert, Zurschaustellen von Hautbild und gesundem und stabilen Geisteszustand. Ich habe seit meiner Ankunft in Mexiko im September drei Mal gekokst und eine handvoll Mal gekifft, mir kann gerade niemand was. Dann zwei Tage Party mit den bayrischen amigos.

Mitfahrt nach Berlin, wie gesagt, fliegen geht gerade nicht. Wohnen dann bei Cousine (anfragen!) und treffen mit all den Berlinfreaks, dem Netten Fucker, Frank aus Franken, Bomec sofern vorhanden; auch unbedingt Pippin. So oft als moeglich ins Berghain. Friedrichshains Strassen abchecken, Berlinflavour aufsagen und alles erzaehlen, Leben zwischen Euphorie und Abfuck ganz direkt wahrnehmen und aufschreiben.
Zwischendurch auch Nancy vermissen. Aber in Berlin zaehlt Mexiko dann gar nichts mehr, es wird regnen oder schnein. Mich auch wieder an Deutsch gewoehnen.
Mexikaner in den Toiletten des Berghains mit Slang zulabern. “¡No mames güey, que pedo, yo soy más mexicano que un pinche nopal, güey!”., da freu ich mich schon seit Ewigkeiten drauf. Ich nehm auf jeden Fall die Buffalos mit…

Das wird alles ganz schnell gehen, am 03.04 dann nach Amsterdam, den Studienkollegen, Investmentbanker, treffen, Coffeeshops auschecken, zuletzt einsam schreiben und am 5. April wieder nach Mexiko, da steht dann schon die ganze Familie.

Dann schaun.

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