Archiv für Februar 2008

Alles

Februar 20, 2008

Nee, ich geh nicht mehr auf Arbeit. Das weiss ich ja jetzt schon ne Woche. Letzten Donnerstag traute ich mich mal wieder ins Office, versteckte mich im 10. Stock, liess den Laptop an und fand eine Nachricht meines Chefs vor: “Lieber Airen, bitte melde dich umgehend bei mir!”. Die Mail war acht Tage alt.
Ich verliess schleunigst das Gebaeude und beschloss, nie wieder zu kommen.

Seitdem eigentlich Sport. Ich saufe ja nicht mehr, also nur noch zum Schreiben und zum Dancen. Nancy und ich gehen jetzt zum Joggen in den Stadtpark Chapultepec, oder hier im Norden, Caracoles, Estado de México, in der Vorstadt der Vorstadt, da gibt’s auch nen Sportplatz. Oder ich helfe in ihrem Geschaeft und mache Sandwiches und Saefte oder laber in der Regel die Kundschaft zu. Auf Dauer ein irrentabler Abfuck und deswegen tausend andere Plaene.
Unterricht in Deutsch, Englisch und Gitarre ist einer. Der Job in der Partei ein anderer. Was wir auf jeden Fall machen werden, ist eine grosse Wohnung zu mieten und an Auslaender auf Vierteljahresbasis teuer unterzuvermieten, das laeuft ab Maerz. Und halt noch ein Job, fuer das Visum. Laesst sich natuerlich faken oder kaufen, wie alles hier, Mann, am Wochenende erst haben mich hier die Bullen ohne Fuehrerschein und Licht dafuer mit Pegel aus dem Verkehr gezogen und das liess sich mit 120 Pesos Trinkgeld und einem Laecheln regeln.
Aber jetzt bloss Sport, Ficken und Gitarre macht auf Dauer auch bloed und als Auslaender mit Studium verdient man sich in Mexiko daemlich.

Nee, irgendwas muss gehen, aber es darf halt nicht mehr in der Finanzwelt ablaufen; ein Leben unter BWLern ist der Highway in die eintoenige, monosubstanzielle Drogensucht, ich ertrage das Pack nicht mehr, da rutsche ich aus, auf den Gedanken.
Es war nur dieser Film auf Pilzen 2001, da sah ich das Haus mit Swimmingpool an der kaliforischen Kueste und dachte: Jetzt zieh ich mir das krasseste Wirtschaftsstudium ever rein, auf Englisch, und kauf mir das.

Und dann kam ich an die “Europa-Universitaet” Viadrina und sah nur Fotzen, wirklich Spacken zum schlagen, und die verstanden keine einzige Klasse, kopierten, bestanden und vergassen. Ich traf nur Dennis, die Checkerfotze, und der sagte: “Der Bachelor, das ist der ‘Du darfst”-Schein.”: Du darfst jetzt Verantwortung tragen, Geld verdienen und einen auf Businessman machen.
Ich habe da vier Jahre nur ganz hart durchgekifft, Berlin befeiert und mich alle paar Wochen in die Pruefungen geschleppt. Und einen ganz profunden Hass gegen die BWLer entwickelt.
Dann nahm mich wirklich der Traumarbeitgeber jedes Anzugtraegers und das aenderte ueberhauptnichts, ich nahm nur noch mehr Drogen und erlebte hoellische Montage, dreimal kraehte der Hahn. Nach einem Jahr schickte man mich nach Mexiko; ich kassierte die Flugtickets und ein respektables Gehalt, und machte das, was man unter den letzten zwanzig Eintraegen lesen kann.

Ich verliere also gar nichts.

Natuerlich habe ich dann manchmal auch Heimweh. Berlin hat einfach einen ganz fiesen Groove weg. Ich habe da noch immer meine Band. Das Berghain. Alle Drogen. Wenn ich traurig bin, will ich mir auch hier in Mexico City einfach wieder einen Valium-Abfuck geben. An sonnigen Nachmittagen mit meiner Cousine in Friedrichshain extrem-Nichtsmachen. Mir ne Pipette GHB checken und schauen was passiert. Gras in der Hasenheide kaufen, ewig traeumen, durch SO36 laufen, Coolness im Nichtstun, und dann mit dem letzten Credit in’s Berghain checken und Pillen fressen. Eigentlich war ich nur dann, in diesen Momenten, zwischen riesigen Boxen und knackenden Synapsen, der euphorischen Verneinung der Vernunft, in diesem Bunkeruniversum der Musikmusikmusik, im Berghain frueh um acht: ich selbst.
Aber hier ist staendig der Himmel blau.

Und Nancy liebt mich.

Und ich will nicht mehr alles.

Und alles.

no chocolate

Februar 14, 2008

Schreibt wieder, und zwar

geil.

Acapulco

Februar 7, 2008

Acapulco ist ein oeliges Schwipp-Schwapp, blitzende, geldgebleichte Zaehne, eine besonnte Nazilagune, House-Music und Meeresfruechte, ein mexikanisches Las Vegas, ueberteuerte Drogen, das Haus von dem und dem, Victoria-Kronkorken im Sand, gegenseitig in den Mund geschobene Melonenstuecke, ein Albtraum von Mexiko, eine Messe saemtlicher in der Welt vertretener Hotelketten, rangeklatscht an die 10 Meter Strand.
Eine immersommrige Geldausgebestation.

Wir kamen spaet. Das Luxushotel. Es war klar, dass dieser Ort nach Gras ruft, nach Kiffen, besser: dass hier auf jeden Fall einer aufgebaut werden musste. Nancy und ich liessen die Oma im Stich und gingen auf den Strip.

Samstag abends ist der Strip die Kadente des Scheitelpunkts der Jugend. Da ist der Mittelstreifen, mit Palmen bepflanzt; die geben im roten Abendlicht ein exotisches Miami-Feeling ab. Rechts wummern Bars und es rauscht der Strand, ein warmer Abendwind, der Geruch gekaufter Sachen: Bitte geben Sie hier ihr Geld ab. Miniroecke.

Keiner geht hier einfach so. Du stellst Titten oder Geld zur Schau, dein Auto oder die modelreife Nutte an deiner rechten Hand, Haare bis zum Arsch, Ficken: 50 Euro, Ritz oder Hilton.
Wir sind in Acapulco, und das vergisst du keinen Moment. Was du auch machst, du wirst stereotyp, ein neonbeleuchtetes Symbol deiner Persoenlichkeit, so wie dieser Ort selbst seit Jahrzehnten ein Symbol ist fuer Sex und Sonne und fuer die Wohltaten amerikanischer Direktinvestitionen. Ich war laengst besoffen.

Ich sah die langbeinigen, grosstittigen, enggekleideten, sich die Zaehne leckenden, arschwackelnden, an unseren Tisch schielenden, aeh, Transen. Ich sah in den Himmel gestreckte Zungen, hoerte Techno und dachte: “Ecstasy”. Ich frass Fische fuer 200 Peso und sah und fuehlte und dachte viel und stets: Acapulco.

Schnell kauften wir Gras und da ich mich kenne, landete die Haelfte im Strassengraben: Keine Sucht, bitte. Ins Auto und heim ins Hotel. Man kann bekifft einfach besser kuessen, besser ist gar kein Ausdruck; auf Gras kuesst du, und nuechtern knutschst du. Wir kuessten uns also. Das Gefuehl, dieses Gefuehl, und mein Leben lang will ich nur kuessen, Liebe und Schweiss und Liebe: So war Acapulco bei Nacht.

Am naechsten Tag das Ganze in blass. Man ist dann ja halbbreit, hat in der Frueh vor dem Fick einen kleinen Joint geraucht und sich auf dem Weg zum Strand ein Bier gegoennt und am Strand leert man das naechste, alles schon langsamer; man vertraut darauf, dass in der Nacht der Bock wieder durchkommt und haengt schlaff im Wasser. Und so breit wie man da vor sich hinchillt, das Hotelpanorama im Blick, schwimmt oder nichtschwimmt, sich gut bedient treiben laesst und langsam dem naechsten gegrillten Fisch entgegenfuehlt: bei Nacht ist dann alles wieder da.

Man koennte es Party nennen. Aber Acapulco ist nur die Freiheitsstatue des Konsums.