Archiv für Januar 2008

effects

Januar 25, 2008

Puh… ich fuehl mich schlecht. Und wo genau bei diesem ganzen Problemkomplex, der mich heute runterzog, Ursache und Wirkung liegen, ist nicht einfach zu bestimmen.

Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Das lag sicher auch am Alkohol, diese Testosteron-Sache; Floyd Landis wollte sich ja auch mit vier Whisky rausreden. Diesen Montag nach der Arbeit war Nancy’s Onkel Icidro gekommen; der gefaellt mir gut seit ich weiss, dass er halb Guerrero auf dem Gewissen hat. Aber das ist lange her, als ihn die Soldaten jagten und er in Frauenkleidern sein Dorf verlassen musste und ihm dieser Song gewidmet wurde. Das schreib ich alles noch. Icidro ist ne coole Sau, jedenfalls, nur jetzt schon siebzig, und mit dem musste ich bis Mittwoch Mittag abstuerzen. Den kann hier auch keiner leiden.

Donnerstag… das waren so Schemenzeichnungen, hundert Stellungen des Kamasutra, und wir haben das irgendwie nicht auf die Reihe gekriegt. Mein ganzer Koerper kribbelte noch, weil, wenn ich ein paar Tage durchsaufe, das packe ich gesundheitlich irgendwie nicht. Dabei auch noch die Arbeit im Hinterkopf; Muellermeister Glos kommt ja am Wochenende nach Mexiko, und ich musste da was fuer meinen Chef vorbereiten. Und dann, schon richtig angepisst, kam mir auch noch Nancy bloed.
Nancy ist ja leider - und je besser mein Spanisch wird, desto klarer wird mir das - saudumm.

Also der Sex, gar kein Thema, das kann man eigentlich nicht toppen. Aber ohne Persoenlichkeit im Gegenueber kommen dann schon irgendwann die Fragen; und dann das Angepisstsein, und dann auch der Punkt, wo man es halt weiss, dass da irgendwo was Besseres wartet. Aber ich schreibe ja besoffen, wie je.

Dann lag ich also gestern abend ganz uebel verkatert in meinem kleinen Bett hier bei Doña Tina, und Nancy neben mir und ich war am Schwitzen und konnte null schlafen. Das ging bis heute frueh und dann der Wecker, und dann ein angepisster Sprung in einen verfickt herangefuerchteten Tag.
Auf Arbeit gruess ich ja eh keinen, aus Prinzip, nee: weil es einfach nicht geht. Da ist so eine Riesenluecke, in Allem, und luegen kann ich leider nicht. Also wenn dann so ganz perfide hinterhaeltig, aber so im Alltag leider gar nicht. Da halt ich’s Maul und grenz mich schoen aus; und leider fuehlt sich das dann auch schlecht an.

Deswegen nach der “Arbeit” dann auch gleich in die Cantina und jetzt schon hacke, und dann kommen die bald, und schimpfen. Und deswegen, weil das klar war, fuehle ich mich den ganzen Tag schon schlecht.

Gift

Januar 23, 2008

Das geht ganz einfach. Wir fahren in die Zona Rosa, dem St. Pauli von Mexico City, schauen zweimal bloed und schon steht die Connection. Um die Ecke. Fuenf Briefe, in jedem ein Viertelgramm Koks. Die Parkgaragentoilette bestaetigt die versprochene Qualitaet.

Wir fahren noch einmal in die Cantina der Chicis. Letzte Woche habe ich da den Licenciado Guzmán getroffen, Ex-Finanzsenator von Mexico City, durch einen Korruptionsskandal leider gestuerzt, ihn und seine vier Bodyguards. Nachdem er Nancy und mich auf die zweite Flasche Champagner eingeladen hatte, versprach er mir einen Job in der Regierung oder zumindest einen in der Partei (kommunistisch).
Ich bin noch immer im Anzug deshalb.

Als wir gegen elf eintreffen, sitzt der dicke Licenciado schon dort, mit einem ganzen Haufen Parteipolitiker, und der geilen Sekretaerin (wait a while und es kommt der Artikel: “Die Sekretaerin”. Vorher muss ich sie aber noch ficken.. Geduld…(Habe ich schon gesagt, dass ich Mexiko liebe??!))
Man gruesst. Man setzt mich an den Tisch. Man stellt mich dem Abgeordneten Alberto vor. Man verteilt Visitenkarten und zahlt die Rechnung.
Nancy und ich trinken aus und freuen uns auf das Koks.

In ihrer Wohnung. Nancy hat noch nie gekokst. Ganz einfach, baby: Strohhalm anlegen, Nasenloch zuhalten, einatmen. Strohhalm gegen Lineende bewegen.
Das erste Pac ist weg.
Nancy erzaehlt und beginnt zu weinen. Ich bin ganz locker und hoere zu. Auf Koks kannst du wirklich zuhoeren. Nicht dieser krankhafte Rededrang wie auf Speed. Du redest, ich horche.
Und wehe du machst einen Fehler.

Das zweite und das dritte Pac. Nancy kommt nicht zum Punkt: “Komm zum Punkt, Nancy.”. Nancy setzt drei Jahre vorher an.

Wir legen uns auf das Kingsizebett und schauen einen Porno: Ich bin geil.
Nancy: “Ich bin so geil.”. Beschluss und die letzten beiden Pacs.
Nancy blaest mir einen und ich schaue weiter den Porno. Ich war noch nie, nie so geil. Mein Schwanz schrumpft. Ich spule vor. Nancy saugt jetzt wirklich hart und stoehnt. Mein Schwanz schrumpft weiter:

“Ich kann nicht.”
–“Bitte, sag mir was ich machen soll, und ich mache es.”.

Nichts geht.

Jetzt lecke ich.
Nancy: “Sag mir schmutzige Sachen!”
- “Ich muss auf’s Klo.”.

Ich komme zurueck und schaue weiter, und ja, uebrigens: da lutscht jemand verdammt gekonnt meinen Schwanz. Nach fuenf Minuten schicke ich sie raus. Ficke jetzt im Geist die geile Fotze auf dem Bildschirm, diese geile Nutte, ihre heisse Muschi ficke ich. Und merke auf einmal: Was geht denn?!

Ich schalte aus und gehe rueber zu Nancy. Die sitzt nebenan auf dem Sofa und atmet schwer. Alle paar Sekunden zieht sie hoch, durch die Nase. Ganz, ganz kranke Situation jetzt:

“Oh sorry Nancy. Oh sorry. Oh scheisse Mann, das habe ich nicht gewollt. Das sind die scheiss Drogen. Oh bitte, ich liebe dich!”. Nancy schaut mich aus Riesenaugen an, atmet heftig aus, atmet ein, kaut, zieht hoch. Ihr ganzer Koerper zittert. “Oh scheisse, Nancy, das wollte ich nicht!”.
-“Nein, wieso, das ist okay. Aber morgen kaufen wir neues Koks!”.
Diese verdammten Anfaenger.
“Nein Mann, morgen kaufen wir kein Koks, wir nehmen das nie wieder zusammen! Verdammt, es tut mir leid, das war da Letzte! Es lag nicht an dir!!!”. Nancy starrt ganz wild an die Wand und kaut weiter wie verrueckt: “Was, wieso, doch, morgen kaufen wir wieder was. Ich fuehl mich gerade voll gut. Ich koennte dir gerade alles sagen, ich habe gar keine Angst!”.

Ich ziehe sie ins Schlafzimmer und lege sie hin, will sie kuessen. Es geht absolut nicht. Ich fuehle gar nichts, ich bin leer, bin eiskalt, kann rechnen. Ich kann nicht mal nett sein. Nur das rational Beste bestimmen. Der Albtraum beginnt, ich kacke ab..
Das ging ganz einfach..

La Chicis

Januar 21, 2008

Nach der Arbeit warte ich nicht auf Nancy sondern gehe gleich in die Cantina, in der die Chicis arbeitet. Die Chicis wohnt mit mir in der Wohnung von Doña Tina, ihr Name bedeutet soviel wie: “kleines Maedchen”.

Die Chicis ist ein vierzigjaehriger, kleingewachsener, stockschwuler Indio, der ein bisschen zurueckgeblieben ist, aber stets zuvorkommend. Ein Saeufer. Eine Woche zuvor lieh sich die Chicis von Nancy die fuenf Peso, die ihr noch zu ihrem “Presidente” fehlten, einem Billigbrandy uebelster Sorte. Leider war ich da schon hacke und nahm den Flachmann, kaum auf dem Tisch, an mich, in fuer die Chicis unerreichbare Hoehen, und leerte ihn in einem Zug.
Die Chicis schaute traurig.

Montag bis Samstag arbeitet die Chicis um die Ecke in einer Cantina als Kuechenhilfe. Alle Angestellten dort achten peinlich genau darauf, dass die Chicis nicht heimlich trinkt. Wenn die Chicis trinkt, wird aus dem zurueckhaltenden kleinen Maennchen ein wilder, singender Papagei, eim tanzender Medizinmann, dessen Indio-Dialekt keiner versteht.

Ich gehe heute gleich in die Cantina, weil ein scheiss Tag hinter mir liegt. Eine halbe Stunde musste ich mir den Anschiss meines Managers anhoeren, weil ich beinahe vier Wochen blau gemacht hatte. Fuer die ersten drei Wochen hatte ich mir ein komplexes Luegengeruest zurecht gelegt, dass man mir, wenn auch nicht glaubte, so doch zumindest glauben musste. Aber die letzten drei Tage waren unerklaerbar. Eine halbe, sehr unangenehme Stunde.

Ich checke rein, begruesse die Chicis, ueber den Abwasch gebeugt, dann Gabriél, dann Jesús, meinen Lieblingskellner. An der Wand haengen zwei grosse Flatscreens, alles darunter ist billig: weisse Plastiktische, verkrustete Tischdecken, eine Jukebox. Drei Tische sind besetzt, Arbeiter, die ihren Wochenlohn verprassen.

“¿Una Cubana, un Tequila?”, weiss Jesús schon. Cubanas sind mein neues Lieblingsgetraenk. Bier mit Zitrone, Chili und Worcester Sauce. Den Tequila zieh ich gleich weg und bei der Haelfte der Cubana wird mein Blick etwas milder. Vier Wochen Urlaub fuer eine halbe Stunde Anschiss waren eigentlich kein schlechter Deal. Und schon haelt mir jemand von hinten die Augen zu. Ich kuesse Nancy. Und zwei Tequila, bitte.

“Schatz, nimm es mir nicht uebel, aber du bist ein Alkoholiker.”, hatte sie mir vor ein paar Wochen im Auto eroeffnet. Das macht aber gar nichts, denn fast jeder Mann im Umfeld meiner Familie hat zumindest seine Saufphasen. Und wenn der Mann ordert “Hol mir ein Bier!”, so gehorcht die Frau, wenn auch unter Protesten. Mit einem Knall landet dann die Flasche auf dem Tisch und unter Fluechen wird die Krone abgehebelt.
Dabei wehre ich mich ja gegen den Ausdruck Alkoholiker. So schnell geht das nicht.

Als man uns den falschen Tequila liefert bestelle ich nach und rufe die Chicis an unseren Tisch. Die Chicis umarmt Nancy ganz herzlich und sofort wird klar: Die Chicis hat wieder gesoffen. Ich biete ihr den Tequila an und die Chicis geht in die Knie und kippt hinter dem Tisch schnell die beiden Glaeser.

Aber der Plan lautet ja heute eigentlich: Koks kaufen. Wir wollen feiern gehen oder zumindest harsch ficken.

Daily Soap

Januar 10, 2008

“Because I come from the land of plenty”, singt Nancy ziemlich falsch zum Radio und schwebt in meinem Ruecken vorbei. Ich spucke etwas Schaum in’s Waschbecken und putze weiter. Noch immer habe ich geroetete Augen, weil ich gestern wieder eine ganze Flasche Wein bestellen musste, und uns dann noch in die Distillería schleppte, auf einen Mezcal. Aber jetzt, wo das Ruehrei vom Tisch duftet, kann von Kopfschmerz eigentlich keine Rede sein. Eighties-Pop.

“I come from a land down under”, kommt es schon etwas euphorischer aus dem Schlafzimmer. Sie steht jetzt vor dem schwarzen Spiegelschrank und plaettet sich die Haare. Ich betrachte ihr Spiegelbild im Spiegel und laechle. Bei jedem Zug fletscht sie die Zaehne, das schaut haesslich aus, und ich liebe es. Wenn sie kommt hat sie ein ganz aehnliches Gesicht. Wahrscheinlich deshalb.
Ich habe ihr schon tausendmal gesagt, dass sie das nicht machen soll. Weil es die Haare schaedigt. Schon nach einem Monat hat das sowas altes-Ehepaar-maessiges:
“Plaette dir doch nicht die Haare.”
–“Doch, ich schau sonst haesslich aus.”
“Du schaust nicht haesslich aus.”.
Tausend Mal.

Am Tisch, alle drei so halb-angezogen. Warme Luft, Vormittagssonne, Mainstream-Radio, ein ganz leichter Waschmaschinengeruch: “Frische” will ich sagen.

“Ich dachte ihr schlaft noch. Ich wusste nicht, dass ihr schon so aktiv seid.”, sagt Joseline, die spitzzuengige, ueberschminkte Schwester. In dem einen Monat den ich sie kenne hat sie bereits zwei Freunde verschlissen. Vor einer Stunde kam sie falschesten aller Momente in’s Schlafzimmer. Nancy schimpft halbherzig. Ich grinse und giesse etwas Orangensaft nach.

Mittlerweile bin ich sowas von angekommen. In den letzten fuenf Jahren bin ich staendig umhergezogen. Oberbayern. Dann zwei Jahre Frankfurt/Oder. Ein Jahr Berlin, Schoenhauser Allee. Ein Jahr Frankfurt, am Grenzuebergang. Ein Jahr in Berlin Schoeneberg. Jetzt vier Monate Mexiko. Ich brauche nicht mehr lange, um “da” zu sein.

Ich bin da und koennte bleiben. In the land of plenty.

Zum verzweifelten Wolf

Januar 5, 2008

Mexico ist 1000 Lichter. Ein Dauerpoppersrausch hat auch was Angenehmes. Aufgepasst, die Party naht: Wir kommen durch die Nacht.

Es duerfen halt nur weder Geld noch Drogen ausgehen. Und schluss, schluss, schluss. Finito chicita, das war ein Streit zu viel. Oh bitte, bitte, bitte: Bitte nicht schwanger. Die ersten fuenf Tage geht ja nicht. Aber Sperma ueberdauert vier Tage, angeblich. Wie ich mein Glueck kenne, ueberdauert es zehn Tag und zeugt Drillinge.

Das Piercing ist raus.

Ich schreibe nur was ich sehe und sehe nur was alle sehen. In der Cantina namens und selber nurmehr: “Der verzweifelte Wolf”.

Natuerlich bin ich hackendicht. Keiner erwarte noch irgendwas von mir ausser deplaziertester Kotzaction.

Ich bin wieder Airen, der Antiheld zwischen den Welten.

Die Schreibe hat wieder uebernommen.

Ein Wodka bitte.

Mehr

Januar 2, 2008

Scheissen mit Blick auf’s Meer. Ficken mit Blick auf’s Meer. Kiffen mit Blick auf’s Meer. Oh, ich habe viel Meer viel gesehen, diese Woche.

Gerade hocke ich also krebsrot auf dieser Kloschuessel, von oben ragen gelblich die Palmblaetter ins Blickfeld, darunter Gestruepp, Geaest, und dahinter dann, weiter, in Hoerweite: Das meerblaue Meer und der strandgelbe Strand. Darunter die weisse Bruestung, mit eingelassenen Muscheln. Und ich scheisse. Wuschwusch-schwusch machen die Wellen. Und ich schwitze, vom Scheissen, und vom Ficken noch, und auch vom Kiffen: mit Blick auf’s Meer.

Und ich kann mein Glueck noch immer nicht fassen. Denn der erste Tag waere beinahe auch mein letzter gewesen. Es war auf der Ruta 175, in den Bergen der Sierra Madre del Sur, einem links- und rechts- und auf- und abwaertsgeschlaengelten Bergpass, der die Provinzhauptstadt Oaxaca mit den Straenden des Pazifik verbindet. Es war spaet und kuehl an diesem Weihnachtsabend und wir nur wollten nur ankommen und noch das Meer sehen und: “Duermete un ratito.”, sagte Nancy, schlaf doch ein wenig, und ich stellte den Sitz nach hinten und schlief.

Dann wache ich wieder auf und noch immer durchqueren wir die schroffe Landschaft: Roter Stein und rote Erde und Kakteen; durch das Fenster stroemt warme Abendluft. Und das Auto driftet nach rechts, gen Strassengraben und ich denke “nach links” wir driften und ich uebersetze und schreie schon “¡A la izquierda!” und wir verlassen die Strasse, mit gut 120 km/h , nur ein halbmeterbreiter Randstreifen aus, so scheint es mir, nur Staub, der aufwirbelt und ich greife ins Lenkrad und reisse nach links, auf die Gegenspur und Nancy wacht auf und wir schleudern wieder nach rechts, an den Rand, und dann faengt sich das Auto:

Ich atme auf.

Aber dann drehe ich mich zurueck und augenblicklich wird mir schlecht. Denn das, einen halben Meter neben der Strasse, das war eben kein Strassengraben. Da ging es eben mindestens hundert Meter steil den Berg hinab. Hundert Meter steil den Berg hinab. Das kann ich noch immer nicht fassen..

“Wir waeren fast gestorben.”, keuche ich.
Und dann nochmal: “Wir waeren fast gestorben.”.
Nancy: “Sag das nicht nochmal.”.

Die Erloesung dann. Als ich die Kinder am Strassenrand sehe und auf einmal alles ein Geschenk ist, ohne Schleife, und ich mir denke, dass ich dann, wenn ich zurueckdenke eines Tages, an diesen Weihnachtsabend in Oaxaca, an dem ich mit meiner mexikanischen Freundin im Auto sass und wir hoerten Maná, und Riesenbaeume und Lianen und Kinder am Strassenrand und dieser seltsam verbrannte Geruch, dass ich dann denken werde: Dass das doch eigentlich ganz glueckliche Tage waren.