Archiv für Oktober 2007

Heimweh / Berghain

Oktober 29, 2007

Jetzt lasst mir mal hier noch meine zwanzig Minuten Kontemplation bevor ich loslege und sowieso jeden in Nullkommanichts mit Nonsens zuschwalle. Es ist die Stille nach dem Scheissen, die Ruhe vor dem Sturm. Ich sehe Sterne. Mein Kopf atmet Techno-Milch. Gleich geht die Party los. Alles droehnt diffus. Gleich…

Peng, Blitz und los! Hat noch einer verdammt was gegen die Mucke gesagt?! Hallo??! Upstart und rein in’s Gedraenge! Die Menge nimmt dich freundlichst auf, der Sound diktiert allen: behave! Los, smile und dance.

Techno ist nicht nur die Musik, sondern gleichzeitig auch die tausend Geschichten, die automatisch drumherum geschehen. Die beiden die mit der Zeit im Nacken vor der Kloschuessel knien und nur moeglichst schnell das geile Pulver in die Nase kriegen wollen, so wie es der Sound befiehlt. Der aus dem dunklen Gang heraus taumelt, mitten ins Licht, ins Technoparadies, schon zappelt. Die schon da liegt und seit Stunden nur noch akustisch dabei ist. Die wir alle tanzen, Denken durch Takt ersetzen, mit voller Geisteskraft nur nach Vergessen im Tanzen und Sein streben, Technojugend im Jetzt eben mit jedem Beat sind. Get ready. Das ist erst der Anfang. Es ist erst frueh um acht, gleich legt Galluzzi auf, und dann legen wir alle nochmal nach und alles wird erst dann anfangen, in den ganzen Erzaehlungen, Technomythen, Gespraechsstoffkreislaeufen, Drogenstories, Afterhouranekdoten, in all dem auf Matratzen Gesaeuseltem, zwischen Joints und der wacher werdenden Frage, ob das alles okay so ist, in all dem Text, der bis zum Mittwoch bleiben, der geschrieben, gemerkt, geglaubt und von einem zum anderen ueber die tausend Kanaele der Nacht noch in den letzten Winkel dieser nach Neuem lechzenden und alles neumachen wollenden Welt, Unterwelt, Technowelt, dem ultimativen Fick, dem Bass, auf alle moeglichen Arten der sommerlich den sommerlichen Rausch ueberdauernden Kommunikation zugleich gebracht werden, verstanden und gemerkt werden wird. Jetzt eben, durch die Musik.

In diesen Momenten merkst du, dass du Techno mehr zu verdanken hast als deinen Eltern, dass es nur einen Gott gibt: Party.

Du solltest das Kokain unbedingt mit soviel Ketamin mischen wie moeglich, das ist vernuenftiger, es ist Sonntag, es herrscht eine neue Logik. Nimm! Deine Freunde ziehen dich aus dem Loch in die naechste Bar. Du bist in Berlin und von allem ist noch genuegend da. Wir haben noch was vor heute, Jungs. Let’s dance! Fucking, …

Im Sommer

Oktober 27, 2007

Wir haben Gras da ohne Ende, aber keine Papers zum Drehen. Ich war gerade zwei Stunden unterwegs in der Naehe des Zocalo, dem zentralen Platz vor dem Regierungsgebaeude hier in Mexico City, und habe versucht Papers aufzutreiben. Strassenlaeden, Zigarrengeschafte, Kaufhaeuser: Aussichtslos. Seitdem letzte Woche meine deutschen OCBs ausgegangen sind, beleben wir hier notgedrungen die gymnasiale Unart des “Apfelrauchens” wieder. Ein Apfel, drei Loecher, ein Flash. Die Notloesung.

Damals. Mit dem Apfel im Proberaum. Und davor? Zuallererst?

Diese Zeit in der Kindheit, als man nur von Zucker abhaengig war. Saure Saurier, Kirsch-Cola, Center-Shocks und Saure Apfelringe waren damals unsere Drogen. Das Verhalten war das gleiche. Timo und ich, wir sammelten all unser Taschengeld, ueberlegten lange und ernsthaft, von was wir wieviel kaufen sollten, bestellten dann am Kiosk in einem verschworenen Akt die Suessigkeiten und legten uns irgendwo am Rand unseres Dorfes mit der Papiertuete ins tiefe Gras. Als Kinder lagen wir dort in der Sonne und dachten Kindergedanken. Ueberlegten, ob wir in Heimat- und Sachkunde eine zwei oder eine drei auf’s Zeugnis bekommen wuerden. Wir sprachen ueber die Unendlichkeit des Universums und dass es dann unendliche viele Sachen undendlich oft geben muesste, ueberlegten, wen wir mal heiraten wuerden und hatten sechs Jahre spaeter unseren ersten Sex miteinander. Wir waren voller Zuversicht und wussten alles, wir dachten null an unsere Zukunft, denn fuer die naechsten zehn Jahre, eine verheissungsvollen Ewigkeit, in der wir mit Maedchen ficken, Autos fahren und mit tollen Freunden verrueckte Sachen machen wuerden, fuer diese ewige Zeitspanne der Jugend war uns unsere Zukunft ganz klar vorgegeben. Alles war so easy damals. Damals war das Leben nur leben und nichts sonst. Da war alles nur geil. Wie der Schewe irgendwo die tote Kraehe vergraben hatte und wir die wieder ausgegruben und er so: “Das ist Gotteslaesterung”, mit seinen 10 Jahren. Der Schewe hatte auch immer am Schlossberg am Hang in so ein Loch gekackt. Jeden Tag einmal, so als Experiment. Einmal hat er auch seine Rotze monatelang in einem Einweckglas aufgehoben. Der Schewe war ein ganz krasser Typ, schon damals.
Mit dem Schewe hab ich auch das erste Mal so richtig Alkohol getrunken. Da war ich vierzehn und hatte bei einem Typen aus meiner Klasse, einem Sitzengebliebenen, eine grosse Flasche “Kleiner Feigling” gekauft.
Timo, der Schewe, mein Hund und ich, wir gingen eines Mittwoch nachmittags auf diese grosse Wiese am Schlossberg und nahmen uns vor, zusammen ein Drittel der Flasche zu trinken. Der Schewe hatte noch irgendwo einen Piccolo und ein paar Kurze aufgetrieben. Wir tranken alles aus. Die pure Euphorie, als wir durch das grelle Gras fielen. So zum ersten Mal ueberhaupt nichts mehr zu checken und alles so anders zu sehen.
Irgendwann war ich wieder zuhause, in unserem Reihenhaus in der Bonzensiedlung, und meine Eltern merkten es erst, als ich beim Abendbrot auf der Terrasse die Butter in den Brotkorb legte. Ich bekam eine Woche Gitarren-Verbot.

Und dann ging alles los.

Hoerspiel

Oktober 25, 2007

Die Gefuehlskonserve hat einen Text von mir vom Mai diesen Jahres sehr gekonnt und mit viel Liebe zum Detail gelesen und als Hoerspiel vertont. Ich find’s geil!

Anhoeren HIER:

Vielen Dank an Deef Pirmasens!

coke side of life

Oktober 20, 2007

Das mit dem Kokain ist ja auch nur halb so geil, wie man sich das beim Wichsen immer vorstellt. Zunaechst natuerlich schon erstmal ein recht angenehmer Flash. Etwas fuellt dich von innen aus, gibt jeder Geste Kraft und Bedeutung, kitzelt, flasht: mehr. Ganz aehnlich wie Speed plus diese vielzitierte “Coolness”. Die schlaegt aber nach dem ersten Gramm in genauso unkontrolliertes Kieferzittern um. Dann kommt ganz schnell die Leere. Superwache Koksgeilheit. Verzweiflung. Man braucht dann Alkohol, Gras oder Valium. Oder noch mehr Koks. An sich aber kaum auszuhalten.
Dann schlaeft man ein paar Stunden, wacht auf, und hat Blei in den Knochen. Und obwohl die letzte Malhzeit schon 2O Stunden her ist, absolut keinen Appetit. Das ist ganz wie bei Speed: Man kann sich vielleicht zwingen, etwas in den Mund zu nehmen. Die ganz Harten kauen auch noch ein bisschen darauf herum. Aber Runterschlucken ist absolut unmoeglich.
Dein Koerper fleht nach Nahrung. Dein Kopf raunzt: Nein.
Dazu laeuft dir anschliessend drei beschissene Tage lang die Nase. Wenn du Glueck hast, nicht rot. Aber selbst dann kommt dir jeder Atemzug vor wie eine Line Mentholtabak: frisch, hart, direkt.

Ich hol mir jetzt welches. Weil ich es einfach nicht schaffe, hier allein und nuechtern rumzusitzen. Nicht schaffe, nicht einsehe. Allein und nuechtern: Geht nicht. Schon lange nicht mehr. Los jetzt.

Drei Stunden spaeter.  
Mexiko Innenstadt, die Zona Rosa auf- und abgegangen. Am “Crazy” vorbei, in das mich der gut gebribete Toilettenboy von letzter Woche gleich wieder zerren wollte. Aber, nein, hey: ich bin krank. Hab ich ja noch gar nicht erzaehlt. Diese Kokainsession mit Alpha am Samstag liess es mir dann doch unmoeglich erscheinen, am Montag in der Arbeit zu erscheinen. Zwei Gramm Koks auf rechts steckt man als Anfaenger nicht so ohne weiteres weg. Dienstag war noch schlimmer. Mittwoch kam Gras. Donnerstag bin ich dann zum Arzt, besser Aerztin. Doctora Espinoza checkte mich auf Herz und Nieren. Mit abtasten und allem, sehr angenehm, sehr kitzlig. Ich rauche und trinke zu viel. Aha. Mein Blutdruck sei zu hoch, 85:145. Erst im Februar hatte ich 80:120, Optimalwert, waehrend einer eher krassen Ecstasy- und Kiffphase; jetzt jedoch im orangen Bereich. Kann an der Hoehe liegen, meinte Dra. Espinoza. Oder an den Tacos, dachte ich. Sie gab mir irgendwelches Grippofluxzeugs, ich bin ja auch schon seit 28.07. krank irgendwie, und wie immer nahm ich vorsichtshalber erst mal die doppelte Dosis. Fuehl mich auch schon besser heute. Nur mit dem Rauchen muss ich mich zurueckhalten, mehr als drei Zigaretten am Tag, und es wird schlimmer. Gibt ja auch diese urban legend von diesem Typen, dem nach dem Bongrauchen die Lunge kollabiert ist, also sich so richtig auf einmal zusammengeklumpt hat. Ich denk da jedes Mal dran, wenn ich ne Bong rauch, so wie Homer Simpson an die Spinne im Klo beim Kacken oder diese eine Frau aus “Die Erloeser” von Gaddis, die nicht an den Briefkasten geht, wegen dieser uralten Geschichte mit den Schlangen im Briefkasten in der Zeitung, nur dass ich halt trotzdem kiffe und mich hinterher meiner intakten Lunge erfreue. Die operiert jetzt aber auch schon seit ein paar Wochen echt am Limit.
Jedenfalls das Rotlichtviertel auf und ab, auf der Suche nach moeglichst zwielichten Gestalten, alle sehr hilfsbereit, aber keiner hatte was am Start. Einer wollte mir sogar was verkaufen, aber nur gegen Vorkasse. Sorry, dafuer bin ich echt schon zu oft beschissen worden. Ich wuerde sogar sagen, dass man mittlerweile jeden Trick an mir erfolgreich angewendet hat, so dass es relativ unmoeglich ist, mich ohne Gewalt abzuzocken. Also Bacardi, Bier und Zigaretten. 2nd class, ich weiss, aber irgendwie muss ich schlafen jetzt.

Nicht wach sein, jetzt: So denkt jeder Suechtige.

fast

Oktober 20, 2007

In Ermangelung teurerer Alternativen geh ich in’s Yuppies, passiere blond, gross und im Anzug natuerlich die Kordel, die anscheinendreich von anscheinendarm trennt, und bin im halbleeren Club. Die Bar: Der Versuch, eine irische Kneipe auf Luxus zu trimmen. Die harten Alkoholika gut ausgeleuchtet: Absolut, Bombay Sapphire, Hennessy. Gutes Zeug. Darueber Tiffany-Fenster, durch die gelbes Licht dringt, das einzige hier.
Ueber der Bar dann Flatscreens, Baseball, FoxSports en español, Cleveland vs. Boston, 4:1. Auch wenn ich diesen Sport noch nie gecheckt habe, ziehe ich mir das waehrend der ersten drei Drinks rein. Waessriger Scheiss. Die Bloody Mary kipp ich auf ex.
Die Kellnerinnen sehen aus wie first-class-Nutten, im gruenen Minirock und roten Bikini, schoen patriotisch. Mexiko: Gruen, weiss, rot. Und die Schnecke, die mich gerade bedient, hat “Allemania” auf dem Ruecken stehen. WM wahrscheinlich. Die anderen Gaeste sind hauptsaechlich alte Amis mit wenig Haaren auf dem Kopf, die hier noch einen letzten Schluck nehmen bevor sie ihren runzligen, halbsteifen Schwanz in den Mund einer angeekelten, chancenlosen Mexikanerin stecken.

Gin Tonic, ABC, Bloody Mary, Cerveza, doppelter Wodka on the rocks: Da ich heute noch nichts getrunken habe, kriegt meine Kellnerin innerhalb der ersten halben Stunde alles auf einmal ab. Und schoen langsam wirkt das auch.
Live Music. Ich dachte, vor sowas waere ich sicher im “Yuppies”. Well. Vier Punkladies in schwarz, blond und pink, die’s dann doch ziemlich drauf haben. Aber ich fuehle mich mehr zu den Baseballspielern hingezogen, nein, nicht so: Zu ihrer Konsequenz, Fitness, zu ihrer hands-on Weltsicht. Naechster Song. Mal sehen, wieviel Drinks ich noch brauch um zu klatschen. Oder um rauszufliegen… Wer weiss das schon.

Airen,
Marquez-Sterling 25 / Depa. 9
Benito Juarez
Colonía Centro
México, D.F.

schreib ich auf die erste Seite meines Moleskines.

Zwischen den Worten drehe ich meine Zigarette unentschlossen zwischen den Fingern und achte auf die Gitarristin, Tapping jetzt. Frauen, die Gitarre spielen, die ihre Finger weit zur grossen Quart spreizen: auf sowas steh ich. Die Kellnerin gibt mir Feuer. Ich bedanke mich nur mit einem kurzen Blick, bei so geilen Kellnerinnen ist doch eh alles klar; fishing for a tip, du weisst, woher der Wind weht.
Die Schlagzeugerin kommt aus dem Takt. Schick, aber nicht tight die Gute. Ich lache, ja: Alle vier zum verlieben jetzt.
“Help” von den Beatles, ¿woher wussten die, dass ich jetzt genau das hoeren will? Ich klatsche, “die Rechnung bitte!”, bevor ich noch Scheiss baue. Seh die Maedels an, die nur ein Gefuehl in mir wecken: “Das koennte ich auch. Das koennte ich besser.”, und krieg Bock auf “and light goes beep beep”, unsere Band, mein Tor zum Himmel, verdammt. Das war es doch, was du immer wolltest, seit 14: In einer geilen Band spielen. Jetzt schlage ich die “Band auf dem Sprung” fuer ein karrierefreundliches Jahr in den Wind.
Aber es sollte besser kommen:
“Die Rechnung bitte.”

Auf der Suche nach Koks, draussen, Nacht, es regnet: Joshua. Ich wusste, dass ich den wiedertreffe. Schleppt mich in einen proppevollen Club, an 30 Pesos Einlass vorbei, mitten in viel zu leisen, hart-umfeierten House-Sound. Wir kaufen Kokain.

Ich bin auf dem Podest, der Mund beinahe schon vertraut taub, meine Jacke weg: mehr Koks. Feierei. Moven, goddamn. Wenn man hier in Mexiko City als erkennbarer Europaer gut abgeht, schaut einen original jeder an. Macht aber nichts, da Koks. Weiterstylen, auf Beats warten, rocken, rutschen, shuffeln. Kaum loest sich der Blick von den gutgetakteten Haenden, schaut man in Gesichter. Neugierige, Lachende, ueber einen Sprechende. Das ist Koks, das ist gut so: Schub. Lang haelt das aber auch nicht: “Every little thing…”, Madonna kann mich mal, raus hier, und zwar schnell.

Es pisst wie Sau. Joshua und ich nehmen ein Taxi, verabschieden uns, versprechen uns Dinge. Bis naechstes Mal, und das stimmt.

Alpha

Oktober 15, 2007

Ja verkokst und zugenaeht. Wo ist eigentlich meine Hose, Alter? Hat die etwa auch die Transe mitgenommen? Ja, also, das war mal ne Nacht.

Die schlechtesten Parties sind die, auf die man sich wochenlang vorbereitet. Und die besten die, die man den ganzen Tag vorher halbkrank kategorisch ausschliesst.

Gestern. Um zehn check ich dann doch los, gegen alle Vernunft. Lass mich mit dem Taxi in die Zona Rosa fahren und hebe viel zu viel Geld ab. Dann der Club, der ab Dekret von Jetzt mein Club ist: Crazy. Der vollschwule von letzter Woche. Oder zumindest Berghainverhaeltnis.

Vor der Tuer steht eine wirklich gut aussehende blonde Transe in hellgruenem Feenkostuem und lockt die Leute rein. Die frage ich zu allererst, ob sie mir Koks klar machen kann. Und warte mit WodkaNaranja in der Hand an der Bar auf das Pulver. 12 Euro das Viertelgramm. Viel zu viel fuer hiesige Verhaeltnisse. Chill mich dann leicht angekokst auf sonen handfoermigen Sessel und lass die Situation kommen. Merke, dass das zu wenig war. Mehr Pesos, mehr Koks. Geh dann aufs Klo und zieh das naechste Viertelgramm, kniend vor der Kloschuessel. Dummerweise kann man ueber die Tuer druebersehen, und untendurch auch, wenn man sich dreckig machen will. Denn nachdem die rechte Nase voll ist klopft der Tuersteher an die Kabinentuer und weist vielsagend ueber meinen Kopf. Mein Blick folgt ihm, findet ein Schild und entziffert muehsam: “Jeder der hier Drogen nimmt, wird sofort rausgeschmissen.”. Und fast das Geilste an der Nacht: Laesst sich mit hundert Pesos propina abspeisen. Ab dann bin ich sein Freund. Kann koksen soviel ich will und ab sechs schnorrt er meine Zigaretten.

Dann ganz viel tanzen. Mucke irgendwie Trance. Ultrablickkontakt mit allen, spaetstens ab dem fuenften Viertelgrammm von der Tuertranse. Frag sie dann auch, ob sie suave mit mir sein will. Auf Koks scheisst man sich ja echt nichts. Und sie: “Wir koennen ficken, nachher. Gerne.“. Scheisst sich auch nix.

Dann wieder ziehen. Die rechte Kabine ist besetzt, also versuche ich es an der linken. Ruettel paar Mal an der Tuere und schau dann drueber, warum die nicht aufgeht. Irgendsoein Konstrukt aus einem Schemel und einem Besen. Ich kick den Schemel von unten weg und bin drin. Das sechste Pac. Irgendwie haben die hier ne andere Brieffalttechnik, weswegen ich das Papier nachher nicht mehr zukriege und immer gleich ein ganzes ziehen muss. Als ich wieder rausgehe komme ich an den Besen. Der wackelt, schwankt und faellt: dem Tuersteher direkt vor die Fuesse. „¿Cómo se llama eso?“, entschaerfe ich die Situation im Aufheben, „Wie heisst das Ding auf Spanisch?“. Das ganze Klo bruellt.

Um vier setz ich mich neben sone fast nicht als Transe zu erkennende Transe. Lange schwarze Locken, schwarzes Mieder, schwarze Netzstrumpfhosen. Sie heisst Alpha. Wir quatschen ein wenig. Auf dem Weg zur Tanzflaeche frage ich sie ob sie eine Frau ist. Haette im Falle von „Ja“ auch stark nach hinten losgehen koennen. Aber sie malt zwei Anfuehrungszeichen in die Luft. Ich weiche dann eigentlich nichtmehr von ihrer Seite. Fuenf. Sechs. Alpha hat Angst vor meinen Mitbewohnern. Das muss schon echt hart sein, sich so fuer sich selber zu schaemen. Wir kuessen uns. Ganz viel Feeling. Scheiss Musik. Nochmehrkoks.

Am Ende stehen wir vor der Tuer. Alpha, ihre Freundin - ein echtes Maedchen - und ein Typ, schwul wuerde ich sagen, fragen mich ein bisschen aus und kreischen bei jeder Antwort: „¡Qué lindo!“, wie suess.

„Wo hast du dein Spanisch gelernt?“
-„Hauptsaechlich auf Parties.“
„¡Qué lindo!“

„Wie alt bist du?“
-„25.“
„¡QUÉ LINDO!“

Ich soll Alpha mal kuessen und…
„¡AAAYYY, QUÉ LINDO!!!“

„…und wenn deine Mitbewohner sie sehen?“
„Ist mir egal.“
„Uh, qué lindo.“

Zuhause setzen wir uns erstmal auf die Couch im Wohnzimmer und ziehen noch was. Waere im Nachhinein schon ein hartes Bild gewesen, falls einer der Mitbewohner zufaellig vorbeigekommen waere, koksend, mit ner Transe in Netzstrumpfhosen auf dem Sofa.

Wir sind im Bett und wie bei jeder Transe weiss ich, dass sie eigentlich eine Frau ist. „Chicito“ nennt sie mich die ganze Zeit und ich sie „Chicita“. “Aahh, mi amor!” Es ist schoen.
Dann faehrt sie aber doch heim, in meinen viel zu grossen Jeans.

Rose’s Cantina

Oktober 13, 2007

Und dann sind wir in soner Cantina, proppenvoll, auch die Leute, alle tanzen zu diesem Salsa und kippen Bier in Wahnsinnstempo, und ich hock mich auf nen Stuhl und fange an, aufzuholen. Und Guillermo ist ja so ein richtiger prolo-womanizer-Latino, in den 8Oern haette der echt viel hergemacht bei uns in seiner Lederjacke und den engen Jeans und kennt jede Sau hier. Ich seh das und muss dann auch lachen irgendwie, weil alle auch so pilzige Stereotypen sind, anachronistisch fast und als ich nicht mehr grinsen kann, werd ich traurig. Genau dieses Feeling wie damals, 2OO2 oder so, als ich mit Stefan auf diesem Faschingsball war, voll auf Pilzen, und alle so froehlich waren, voll auf “I’M WALKING ON SUNSHINE” und ich etwas abseits stand und mich ganz ploetzlich ganz alt fuehlte. Aber ich komme wirklich kaum hinterher, kaum habe ich eine Flasche zur Haelfte geleert, haelt mir jemand die naechste hin und groelt “¡Salud!”. Auch irgendwie okay. Morgen kommt der Mann mit dem Koks.

Jazz Club

Oktober 11, 2007

Um elf bau ich noch nen Joint fuer mich und Guillermo, den Vermieter, dann schreib ich ne Mail an den Netten Fucker, dann halte ich mir ein paar Sekunden die Bacardi-Flasche an den Mund, dann gehen wir los. Jazz Club in Mitte. Ein vollbesetztes Taxi kommt. Wir quetschen uns zu den anderen. Die anderen sind ein mexikanisches und ein franzoesisches Paerchen. Letztere labere ich mit meinem standard-francais-Satz zu: “Je ne peux plus parler francais parce-que j’aprend español et c’est trop similiaire et tous le temps, si je veux dir quelque chose en francais, le mot en español me vient a l’esprit plus vite.”. Dann sind immer alle ganz beeindruckt und meinen, mein Franzoesisch waere trotz allem noch perfecte. Dabei ist das wirklich so ziemlich der einzige Satz, den ich auf Franzoesisch rausbringe. Weil ich ihn halt jedem scheiss Franzosen auftexte. Internationale Wirtschaft studieren die beiden, “Hatte ich auch mal.”, sag ich und darf mich dabei gar nicht so stolz fuehlen, schliesslich habe ich den halben Tag blau gemacht, und jetzt, 12.OO mittags, mexican-time, sitzte ich schon wieder noch immer nicht in der Arbeit und werde auch nicht mehr gehen heute, zu krass war das gestern. Aber hey, locker, dafuer arbeite ich auch am Wochenende, aus irgendeinem Grund, der mir selber noch nicht so recht einleuchtet, will ich das Projekt richtig geil abliefern. Und les das dann in nem halben Jahr und denk mir: “Fuck, damals, als ich noch riechen konnte.”.

Im Club stelle ich mich mit 6O Peso auf Tasche grosskotzig an die Bar und bestelle GinTonic. 75 Peso. Und erklaer dann der Bedienung, dass ich mal kurz meine Freunde suchen gehe, um mir Geld zu leihen. Ganz toller Auftritt. Bevor mein Vermieter den Geldbeutel zuecken kann, zahlt der andere Mexikaner. Und auch die naechsten drei Flaschen Wein und die Kaeseplatte.
Die Band faengt an. Irgendwo zwischen BeBop und Free Jazz zocken der Saxophonist und der Trompeter saugeilst um die Wette. Wie bei jedem guten Konzert geht mir da Grinsen sowas von nicht aus der Fresse. Wirklich allerfeinste Improvisation. Aber ich kann dann nicht mehr. Guillermo geht mit mir raus und erklaert dem Taxifahrer, wo wir wohnen. Ich haette das schon auch noch alleine gekonnt.

“Bist du sehr betrunken?”, fragt er zum Abschied.
“Nein. Doch, total. Adios.”
Ich gleite durch Mexico-Mitte, ganz in der Naehe der Bank, auf die ich den Kurs nochmal umgeleitet habe, vorbei an einer Art Fussgaengerzone, der Zugang kettenverhangen, da kommt kein Auto durch, und das Taxameter zeit schon 42 Pesos an, und denk mir, dass das jetzt doch ganz witzig waere…
und sag so zu dem Taxifahrer: “Espera aqui!”, halte hier. Tuer auf, raus, Tuer zu, sprinten, in die Fussgaengerzone einbiegen, das Taxi jetzt mit quietschenden Reifen im Rueckwaertsgang, gut hundert Meter Vorsprung, an zwei Bullen vorbei, “Buenas noches.”, saudicht, und an der naechsten Kreuzung nach Atem ringend das naechste Taxi anhalten.

Easy. Steig dann direkt am Tacostand aus, bestell zwei aber ess nur einen halben. Und dann heute Mittag.

Case Scenario

Oktober 9, 2007

Letzten Freitag ging ich von der Arbeit nach Hause, mitten durchs Finanzzentrum, zwischen riesigen Hochhaeusern, die alle dem in gewissen Situationen aus gewissen Perspektiven sogenannten “Grosskapital” angehoeren, oder besser dessen Dienern dienen…

und dachte mir so: Saugeil.

Einem so gebeutelten Ego wie dem meinen verschafft es also offenbar erhebliche Erleichterung, sichtbar der sogenannten “Oberschicht” anzugehoeren. Gegen Depressionen hilft sich am Strassenrand die Schuhe putzen zu lassen. Seidenkrawatten im MP-bewachten Nobelkaufhaus zu kaufen. Drei Monatsgehaelter Trinkgeld geben. Auf so Zeug steh ich grad. Total durchsichtig. Total erbaermlich. Aber was ist das nicht? Sag mir jetzt keiner Liebe.
Komme gerade von dem Treffen mit dem Finanzvorstand. Mein Job bestand letztlich darin, mich zur Verblueffung des Herren Vorstand auf Deutsch als Deutscher vorzustellen und eine Broschuere zu reichen. Eine hochinteressante Studie zum Thema Kostenstrategien, wir geben dem Kunden also etwas “value” ohne etwas zurueckzufordern, wir erhoehen unsere “visibility” und auf erstaunliche Weise laesst sich mit solchem Gewaesch viel Geld verdienen. So funktioniert das.

Und ich musste mal wieder feststellen, dass Leute, die es wirklich bis ganz oben geschafft haben, wieder ganz normal werden, oder, so die Hoffnung, schon immer waren.

Mein Chef liess mich dann nach dem Gespraech in Santa Fe in the middle of nowhere am Strassenrand stehen und rief aufmunternd: “¡Hasta mañana!”. Dann eine Stunde Taxi. Jetzt rauche ich den wohlverdienten Feierabendjoint. Nee, aber was ich eigentlich sagen wollte: als ich da durch dieses Finanzzentrum schlenderte, nach einer ersten Arbeitswoche, mit dem Geruch des Erfolgs und des Geldes noch in der Nase, dachte ich mir: “Saugeil!”, und wollte es irgendwie nicht wahr haben, dass fuenf weitgehend drogenfreie Tage so etwas bewirken koennen, dass der Bezug so direkt ist. .

Aber egal, da eh schon wieder vorbei, der Wohnsituation geschuldet. Also wie es ausschaut wohnt mein Vermieter auch hier, der war bloss die erste Woche nicht da, er und seine drei fetten Saecke Gras, die, wie erwaehnt, in der Miete inbegriffen sind. Mir haette nichts Schlimmeres passieren koennen.  

Nach zwei Wochen

Oktober 6, 2007

Ein Schritt weiter in eine Richtung. Ploetzlich ist alles mehr. Die Bedeutung der Arbeit, der Umfang, der Belegplatz im Gehirn. Mehr Zutrauen, mehr Erwartungen. Andere Situation, now get along. Aber, keine Ahnung, es gefaellt mir, wirklich.
Mann, sind die alle nett. Und huebsch. Und die Typen alle ein bisschen posh, jeder mit Gel, stolzer Gang, man weiss, wo man arbeitet. Und ich find das immer irgendwie nur geil und muss grinsen. Es gibt ja den Brauch hier, immer die Frauen vorzulassen, an Tueren, im Fahrstuhl, beim Einkaufen. Aus Respekt, so gewaehrt der freundliche Blick zunaechst. Doch kaum tut die Frau den ersten Schritt, wandert der ein Stockwerk tiefer und verweilt zufrieden auf dem meist gut und knackig ausladenden Arsch der so hoeflich Vorgelassenen.

“Das ist in der Miete inbegriffen.”, lacht Guillermo und haelt mir den Joint hin, dessen Geruch mir auch blind den Weg in meine Wohnung im vierten Stock gewiesen haette. Zwischen tiefen Zuegen zaehle ich ihm die Scheine hin. Er: Fotograf, spielt Bass, vermietet Wohnungen. Dabei sein Kumpel, spitzmaeusig, und ein Maedchen mit Accent. Erst geht der Spitzmaeusige, dann er.
Ich sitze auf der Couch mit der Franzoesin Mitte zwanzig, deren Namen ich nicht weiss. Und ich will auch nicht nochmal fragen, sondern erzaehl was wie ..die letzten sechs Jahre war ich in Berlin und…

sie, die Architekturstudentin mit schoenem Koerper und einem huebschen, auf eine ganz harmlose Art naiven, aber klugen Gesicht, knapp schulterlangen schwarzen Haaren, vieleicht 25, und, fast schon zu cliché: im schwarzen Kleid mit weissen Punkten, fragt mit franzoesischem Akzent : “¿Kennst du die Panorama Bar in Berlin?”. La Panorama Bar? Ja, eigentlich schon.

Sie ist gerade jetzt in Richtung Wohnraeume und Bad gegangen. Gleich kommen irgendwelche Freunde von ihr. Ich wuerde mir vorher noch mal gerne das Gesicht waschen. Aber ich bin ihr vorhin schon auf dem Weg zum Klo begegnet, als sie gerade davon zurueckkam. Wir trafen uns im Gang und die Blicke waren im Ausweichen komisch. Wenn ich jetzt nochmal da hin gehe und sie eventuell wieder im Bad ist, koennte sie vielleicht meinen, ich woellte mich ihr irgendwie naehern. Wir sind ja allein in der Wohnung. Diesen scheiss sexuellen Bezug nicht mal aus dem Kopf zu kriegen.
Ja komm, dann lieber noch’n Schluck, soll’n die besser das Party-Ich kennenlernen.

Und dann auf einmal, wie gewohnt…

Bonsai-Palmen zuechten. Das waer doch mal was. Darin aufgehen. Jetzt sitzen noch zwei so Mexikanerfreunde von der Franzoesin da. Maedchen und Junge. Saunett wieder. Auf dem Sofa er dann: “Traeumst du?”, und ich so bescheuert konspirativ: “Nein, ich…” Und er: “¡Aaahhh, claro!”. Am Dienstag dann zum Gespraech mit dem CFO eines grossen deutschen Automobilherstellers…
Ich machs einfach: “Gibt’s hier heute irgendwo ne Technoparty?”.”Ja, kennst du Justice?”, “Was?! Die Justice??”. Ja, die, legen heute in Mexico City auf.

Beschlossen.

Auf dem Weg zum Siglo 21. Der Taxifahrer kommt mir komisch vor. Ich habe vergessen, vor dem Einsteigen aufs Nummernschild zu achten. Bei offiziellen Taxen beginnt das Kennzeichen mit L. Auf den letzten Metern winken Menschen vom Strassenrand durch die Scheibe, alle auf der Suche nach einer Karte. Vor dem Club draengen sich ein paar hundert Leute, kaum einer aelter als 25. An der Kasse erfahre ich, dass ich ohne Ticket keine Chance habe.

Dann zurueck in die Zone Rosa. Noch schnell eine Flasche auf der Strasse geext, darauf stehen 24h Arrest, und ab in den ersten Club. Eintritt, Lage checken, raus. Dann in den naechsten. Halbschwul. Ich dance auf Raggaton und auf einmal umringen mich drei huefthohe Maedchen, bin deep in time aber out of joint, und verzieh mich ein wenig Richtung Spiegel. Gleich der Naechste, und der kann tanzen, Joshua, der Drehmove hier sehr beliebt. Er schaut ein wenig aus wie ein Ami, mit seinen kurzen, zurueckgegeelten und etwas anblondierten Haaren. Dazu die blaue Jacke. Wir reden ein bisschen, dann geh ich runter an die Bar.
WodkaBull fuer den Typen gleich neben mir am Tresen, stockschwul, Schleimsack, und fuer mich natuerlich. Dann wieder hoch tanzen. Als es leerer wird, nimmt mich Joshua in den naechsten Laden mit. Vollschwul. Im zweiten Stock ein Dancefloor, Trance, Action, sofort aufs Podest. Joshua haengt mir Lametta um den Hals waehrend wir tanzen und neben uns Maenner strippen. Am Rand ganz cool die Transen, und was fuer welche. Die eine schiebt mir ihren Arsch in den Koerper und Joshua macht vom Podest aus wild abschaetzige Bewegungen. Ich ueberleg mir ernsthaft, mit ihm mitzugehen, nur fuer den Thrill. Aber ich kann mich absolute nicht dazu ueberwinden, da hilft auch kein WodkaKirsch. Ich hau dann auf einmal ganz ploetzlich ab, fluechte fast, der Typ hat mich keinen Moment aus den Augen gelassen. Und die ganze Zeit: “Soy gay.”, und all die obszoenen Gesten.

Zuhause noch ein Joint mit dem deutschen Medizinstudenten. Zu vertraulich. Ketamin-Thematik, alles sehr einseitig. Dann irgendwie gelaehmt im Bett. Licht ist an. An der Decke haengen drei pappsatte Moskitos.