Irgendwann am Montag komme ich zu mir und kann das alles nicht fassen. Jede Aktion für sich genommen: OK. Aber die letzten fünf Tage zusammen: Das war ein einziger Film.
Ich beginne am Donnerstag. Am Nachmittag kommt meine Cousine, ein paar Sachen abholen. Ich stehe ja kurz vor dem Umzug nach Mexiko, ein Fakt, den ich mit aller Kraft zu verdrängen versuche. Aber auch eine gute Entschuldigung für so einige Eskapaden. Schließlich gibt es in Mexiko kein Ecstasy. Und bei Techno-Parties bin ich mir auch nicht so sicher. Also noch mal knallen wie Sau.
Ich pack den Scheiss in´s Auto meiner Cousine, schwitz jetzt schon wie ein Affe, und geb mir vor der Abfahrt noch 2 Pipetten GHB. Im Auto nach Friedrichshain fang ich an anstrengend zu werden. Drehe auf, hole aus, schweife ab. Vorm Eschloraque, dort, wo Ben Becker seinen letzten Drink vor dem finalen Breakdown nahm, ist meine Cousine schon ungehalten: „Kommst du jetzt mal wieder runter?“
Auf dem Heimweg, schon auf der Straße zur S-Bahn, bin ich so leer, dass es nur eine Konsequenz geben kann: Hasenheide, Gras kaufen. Ich gestalte meinen Drogenkonsum in letzter Zeit sehr verantwortungsvoll, indem ich versuche, eine gewisse Unregelmäßigkeit in der Substanzabfolge zu schaffen.
Donnerstag Abend rauch ich die erste Tüte, garniert mit der ein oder anderen Pipette GHB. Eigentlich sind das für die nächsten Stunden die Fakten, denn den ganzen Freitag bis einschließlich Samstag früh erinnere ich mich an nichts außer an Fernsehen und Joints. Im Grunde nicht mal an das. THC vernichtet Zeit perfekt.
Samstag Mittag komme ich zu mir, Samstag Abend werde ich wach. Klar, 36 Stunden gechillt, das kommt jetzt alles zurück. Partytime. Versuche Gott und die Welt zum Feiern zu überreden. Der Nette Fucker ist in Shanghai. Bomec in Belgrad. Frank aus Franken auf ner Privatparty. Cousine sagt zu und wieder ab. Ich setze ausnahmsweise auf Vernunft und versuche mich runterzubringen. Doch alle bewährten Methoden wie liegen, essen, wichsen, ja sogar Marathon-der-Damen-vom-Anfang-bis-zum-Ende-schauen helfen nichts: Halb fünf bin ich noch immer auf Party geeicht. Noch sehr viel mehr Wodka und halb sechs endlich ins Berghain.
Ich kenne exakt zwei Leute in diesem riesen Laden, 50% davon nur flüchtig. Schon wieder diese breitmachenden Teile. Paar schlaffe Moves. Ich hau mich irgendwann in den Darkroom auf die Hängematte und penne da rum, bis mich zwei Hardcore-Glatzen verscheuchen. Ich siedle also um in so einen Kasten auf Hüfthöhe, immer noch im Darkroom. Bin ganz gedämpft und verbringe die Zeit hauptsächlich mit zählen. Bei einem 140er Beat dauern 10 Minuten 1400 Schläge. Zwischendurch schiebe ich gierige Hände aus meinem Schritt. Keine Kraft zu nichts, lasse meinen Arm baumeln, direkt neben mir pumpt sich ein weißer Arsch in eine gebückte Lederhose, ich fasse ins Leere, ich habe eine kleine Flasche in der Hand. Nach einer kurzen chemischen Analyse befinde ich auf aliphatische Nitrite. Poppers. Ja dann mach ich mich doch mal ab. Riech noch zwei drei Mal und bin um zehn am Ausgang.
Draußen, wieder Wetter, steht ein Bodo und begrüßt mich mit Namen und Berufsstand. Ja, irgendwie war da irgendwann mal irgendwas. Wir checken zum Ostbahnhof. Für mich die S-Bahn, er biked weiter. Ich steige in den Zug und das erste was ich sehe, ist so ein Jacken-Typ um die vierzig der ganz hässlich ist und mich anstarrt. Ich bin verschwitzt, verpeilt, verstört und starre böse zurück. Dann such ich mir einen Sitzplatz. Nach einer Geruchssalve aus dem Poppers-Fläschchen blicke ich auf und der Typ schaut noch immer total arglos her. Ich weiss mir nicht zu helfen als wie ein Behinderter zurück zu winken nach dem Motto: Glotz nicht! Dann geschieht das Unglaubliche: Der Typ steht auf, kommt her und setzt sich direkt mir gegenüber ins Viererabteil: -„Hallo, ich bin der Wolfgang!“. Ich glaub´s nicht: „Hi.“ –„Wo kommst´n du gerade her?“ „Aus´m Berghain.“. Anscheinend dreht´s mir gerade die Pupillen gen S-Bahn-Decke, denn der Typ lacht total schräg und fast beeindruckt: -„Woa, hehe. Wo fährst du jetzt hin?“ “Nach Hause. Und ganz ehrlich: Alleine.” Der Typ lacht schon wieder ganz komisch, weil es mir verpeiltest die Fresse verzieht. In der Warschauer ist er weg. Bestimmt so einer.
Wieder zu Hause. Ich sagte es bereits: Gegen´s Runterkommen hilft nichts mehr als ein Vollrausch. Anscheinend trinke ich kaum zuhause, Sonntag Mittag so, ne ganze Flasche Wodka weg. Verzweifeltes Gespräch mit Mademoiselle, die am Montag für ein Vorstellungsgespräch nach Berlin kommt und hier übernachten will. Also morgen schon, das krieg ich erst mal gar nicht so richtig rein, dass das schon morgen sein soll. Trotzdem: Gegen Ende der Flasche bin ich bereit für eine Reise zum Kottbusser Tor. Geht ganz schnell, 10 x 10mg Valium und ein Kanten Hasch. Und wie das halt immer so ist bei einer guten Mischung Ecstasy und Alkohol, komme ich mit zwei Leuten ins Gespräch, jünger als ich, die gerade von der selben alten Frau Hasch gekauft haben. Er so ein verschüchterter Hippie, wir kennen uns von einer der letzten dreiundsiebzig Parties. Sie im Hellersdorfer-Vorstadt-Style, Studiobräune, feuerroter Zopf, Camouflagejacke, aber nett.
In der selben U-Bahn. Schönleinstraße steige ich mit den beiden aus wie von selbst. Irgendwo noch einen kiffen. Erst sitzen wir drehend am Landwehrkanal, dann fliegt das Paper ins Wasser und der Hippie muss hoch in die Wohnung, die Bong holen. Die Wohnung gehört dem Macker von der Tussi, und da der grad nicht da.. –schon gut, okay, ist ja auch schön hier. Der Hippie kommt mit einem Glasschwanz zurück, in dem fünf Zentimeter Wasser stehen. Die Bong. Ich glaube wir kommen nicht mal dazu den ersten Kopf zu rauchen, da jeanst der Macker den Kanal entlang: „Wat macht´n ihr hier?“ Kurze Erklärung – …kennen sich von irgendwoher.. –ja, dann mal hoch, wa? Wir müssen über den Hinterhof, weil der Macker Stress mit benachbarten befeindeten Türken hat: „Sonst laufen wir denen ja gleich in die Arme.“. Erst gestern sei ein Stuhl geflogen.
Dann Flashback. Ich sitze jetzt also auf einem saugemütlichen Sessel und habe eine mächtige Bong in der Hand. Davor so ein typischer Kiffertisch. Und natürlich Techno. Bald noch ein Türke, der drei prall gefüllte Beutel Gras mitbringt. Wir verstehen uns, ich meine hier läuft Techno, und zwar guter.
Aber die Gespräche lassen zu wünschen übrig. Doch eher eine allerdings sehr unaggressive Prollstimmung. Der Türke schwadroniert. Der Macker gibt recht. Die Tussi lehnt sich an den Macker. Der Hippie ist vollständig mit Valium zusediert. Ich schaue mich um und fühle mich wohl. „Das Unerträgliche erträglich machen,“, denke ich, „darum geht es doch im Leben.“ Wobei „machen“ in diesem Zusammenhang ja nur heißt, heißen will..