Neue Adresse

Juni 13, 2008 by goneastray

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Fuenf Wochen ein Tag

Juni 4, 2008 by goneastray

Als wir vom Sportplatz kamen, gut durchgeschwitzt, die Sonne im Kopf, Moonbootica im Ohr, den Puls im ganzen Koerper, kam, direkt vom Zaun, ein Kreischen und Wimmern, und ich dachte erst das waeren voegelnde Voegel doch dann sah ich, ganz unten am Boden, einen kleinen weinenden Hund. Einen Welpen, der sitzend, mit geschlossenen Augen, einfach nur den Himmel anjammerte.
Nun sind die Strassen hier voll von Hunden, von zumeist haesslichen Kreuzungen mit struppigem Fell, hinkend, Muell fressend, urinierend. Und sicher waere unser Baby hier bald auch zu so einem Strassenkoeter herangewachsen. Aber in diesem Moment war es einfach nur ein erbaermlich weinendes Hundchen und als ich es aufhob und den Dreck sah und die Floehe und es roch machte das irgendwie ueberhaupt nichts aus. Es war ein Maedchen. Augenblicklich schlief Sie ein.
In der Dusche, als ich Sie auf dem Arm hielt und ihr den Staub und Schlamm aus dem dichten schwarzen Fell wusch begann Sie wieder zu weinen, ihre kleinen scharfen Krallen in meiner Brust zu vergraben. Dann gab ich ihr Milch, wickelte Sie in ein weisses Handtuch und nur Sekunden spaeter schlief Sie schwer atmend ein.
Von Anfang an sah ich, dass das rechte Hinterbein nicht okay war, seltsam nach innen geknickt und lahm. Wir fuhren zum Tierarzt. Die Tieraerztin puderte die ganz ruhige Sie auf dem Blechtisch ein, die Floehe flohen, dann tastete sie alles ab und stellte fest: Sie war fuenf Wochen alt, hatte eine gebrochene Huefte, ein gerissenes Bauchfell, die Organe schon leicht verrutscht, der Unfall wohl schon ein paar Wochen alt. Dann listete sie uns auf einem Blatt Papier alles auf, mit dem Preis daneben: Das Roentgen, die Operationen und natuerlich die Impfungen. Wir hatten das Geld nicht. Wir waehlten die billige Variante ganz unten rechts auf dem Zettel. Ich sah Sie noch einmal an, wie sie Sie in den Kaefig sperrten, dann gingen wir in die Stadt. Als ich am Nachmittag in die Klinik kam war Sie bereits tot.
Ich nahm die Plastiktuete mit dem kleinen schweren Hund, noch immer in sein Handtuch gewickelt. Auf einem Huegel am Stadtrand gruben wir wir mit Hacke und Schaufel ein kleines, tiefes Loch in den steinigen, roten Boden, nicht groesser als ein DIN-A4 Blatt. Ich nahm das Tuch aus der Tuete, legte Sie ins Loch, deckte auch das braune Ohr zu, das noch aus dem Tuch herausschaute, und schaufelte Staub und Steine bis alles wieder aussah wie zuvor.

Dann stapften wir mit den Geraetschaften davon. Ich wollte sie Katia nennen.

Warten auf Veracruz

Juni 2, 2008 by goneastray

Und ich laufe noch immer durch Mexiko. Ohne Plan, ohne Geld, ohne Zutun. Es ist nicht mal nur die Bequemlichkeit, es ist auch der Spass am Gegenbeweis. Ich habe mich einfach so in Mexico City eingeparkt. Und zahle nicht mal Gebuehren. Die Kondition, die ich mir abends auf dem Sportplatz antrainiere, saufe ich mir an den ungeraden Wochentagen wieder weg. Waehrend Berlin ein rasender Sturzflug war, den ich manchmal gar nicht schnell genug mitschreiben konnte, ist Mexiko ein truebes Schweben auf unbestimmter Hoehe. Es passiert gar nichts. Ich kann mich bei all der Hitze nur besaufen. Aber es fehlt die peer-group, es fehlen die Mitsaufer, die Nasenausgeber, die auf-party-Ueberreder, die Tuetenbauer und Mischemacher, es fehlen die Anrufe frueh um sieben, wo nur der Bass aus dem Handy schepperte und irgendwer “Komm!” rief.

An diesem Nachmittag ist es ganz ruhig. Durch das weit geoeffnete Fenster stroemt ein warmer Wind aus hingetupften Wolken, die hellblauen Gardinen wiegen sich zu trippelndem Minimal gegen die weisse Kalkwand und ich liege auf dem Himmelbett und trinke halbe Tequila-Shots und rauche halbe Zigaretten. Es geht noch immer.  Ohne Plan, ohne Geld, ohne Zutun.

Und erfahre jetzt also zum ersten Mal, dass die Liebe ganz blind bremst, jeden Tag gleich macht unter dem Primat einer eben jetzt oder eben jetzt gerade nicht  erfahrenen Liebe, dass dann auch der absolute Stillstand einen Tag fuellen kann.

Letzthin bleibt alles ein Experiment. Buchstaben aneinanderreihen, Tage verkleben, Sinn zusammenfuegen. Es sollte dann ein Stueck draus werden, eine verschmiedete, ueberdichte Lebensmasse. Mehr als nur ein ewiger Prolog.

Veracruz

Mai 16, 2008 by goneastray

“Erst ma kacken, Alter.”. Vorsichtig lasse ich mich auf der knallroten, unbedeckten Schuessel nieder. Denn noch immer gibt es Momente, in denen ich Deutsch denke und spreche.

Das Unangenehme an diesem Klo hier in Veracruz ist die fehlende Spuelung. Deswegen neben meinen Fuessen die Plastikschuessel voll Wasser aus dem grossen Fass im Hof. Dort regiert Booker, saugeiler Kampfhund, Freund von mir, andere story. Das Dumme an der Schuesseltechnik ist, dass man das Wasser erst nach dem Scheissen zugibt und nicht schon mal vorspuelen kann, wenn nach ein zwei Murmeln langsam der Geruch ankommt. Und ich schwitze.

Veracruz ist extrem heiss, ueber 30 Grad tagsueber. Die ersten Naechte haben wir das Bettlaken in kaltem Wasser getraenkt; am Morgen war es furztrocken und die Haut mit dutzenden kleinen Moskitobissen uebersaet. Fuer diese Hitze wiederum ist die Schuesseltechnik wie geschaffen: Tagsueber schliesse ich mich alle halbe Stunde in einem kleinen Badehaeuschen neben dem Klo ein und giesse mir ein paar Schuesseln Wasser ueber den Kopf. Die Badehose habe sich seit Tagen nicht ausgezogen.

Veracruz war eine weitere glueckliche Wendung, ein Geschenk des Himmels, wir sehen: Gott ist mit den Tunichtguten. Ich habe seit Dezember nicht gearbeitet, keinen Strich getan, nur Atteste gefaelscht, silberne Manschettenknoepfe verkauft, die Steuererklaerung gemacht und zwischendurch mal die Fender verpfaendet. Vor einer Woche, als ich schon fast auf die Idee kam mir Arbeit zu suchen,  kam von Nancys Mutter der Vorschlag mit Veracruz, die Familie besuchen.  Und bei der sind wir jetzt schon seit einer Woche und verbringen die Tage am Meer. Die Straende sind leer, das Wasser sauber und reich an Fischen und anderem Getier. Ich trage einen Krebsbiss am Daumen und zwei an den Zehen.

Und Veracruz fuehlt sich saugut an. Mexico City begann mich zu langweilen, ich hatte das Meiste gesehen, der Geruch stoerte nurnoch, der Verkehr war ein taeglicher Kampf, Mexico City war nur eine Megastadt gone bad. Veracruz ist wieder bunter, die Menschen dunkler, ein unaufdringlicher Touristenort mit viel Palmen, Grand Hotels und abends gebratenem Scheiss. Veracruz riecht nach Urlaub, nach Sonnenoel, nach Meeresfruechten, und ein bisschen auch nach Geld. Nancy und ich werden hier herziehen, das habe ich gerade in dieser stickigen Toilette beschlossen.

The other side

April 30, 2008 by goneastray

Es zieht. Nancy drueckt meine Knie noch weiter nach unten, da kommt es ueber den Zaun: “Deine Eier!”. Es sind die saudummen Bauarbeiter, die den Sportplatz in Caracoles ausbauen und bereits seit einer guten Weile herglotzen als waere Hernán Cortéz gerade eben erst an Land gegangen. Ich presse meine Augen zusammen, schwitze noch ein bisschen mehr und denke erstmal ich hab nicht richtig gehoert.
“¡Güerito!” jetzt. Das lasst keine Zweifel mehr offen. “Güero”, Bleicher, werde ich hier bei jeder Gelegnheit genannt:

“Was darf’s sein, Bleicher?”
“Mit was drauf, Bleicher?”
“Zum Mitnehmen Bleicher?”
“Macht 15 Peso, Bleicher.”

Nach einem halben Jahr in Mexiko habe ich mich langsam an diesen Sonderstatus gewoehnt. Daran, in jedem Restaurant die Rechnung nachrechnen zu muessen, weil man mich als Weissen fuer reich haelt und somit bescheissen darf. Daran, an jeder Ecke angestarrt zu werden wie im Zoo, an vorbeifahrende Busse mit zwanzig auf mich gerichteten Augenpaaren. Als “Bleicher” angeredet zu werden, auch wenn mir das jedes Mal schraeg einfaehrt. Das ist die gewoehnliche Diskrimination, reverser Rassismus, hab ich jeden Tag. Aber einfach so bei Dehnuebungen dumm auf meine Eier angelabert zu werden, das ist neu.

Wir wechseln, ich schau nicht mal, und druecke nun Nancys Beine auseinander.
“Stinkt nach Muschi.”

Jetzt seh ich doch rueber und erkenne unter den Baeumen zwei Jungs in weiten Gangsterklamotten, der eine fett, auf einen Spaten gelehnt, der andere kleiner, mit Milchbart und ausrasierten Seiten. Kaugummikauend, abwartend.

Naja, lachen, “Auf geht’s Nancy, sechs Runden.”.
Ich schalte die Mucke an, Jeff Mills und Green Velvet, das ist alles was geblieben ist vom Tresor, von durchgewachten Wochenenden, als alles nur der Moment war, eine zukunftslose Insel im Glueck, als diese Nachmittage im Sommer mit der Bong, oh scheisse, als ich noch allein war und so reich an Empfindung, als mir jeder verfickte Grashalm in’s Bewusstsein schlug wie glaenzender Strom, und jetzt: Green Velvet im MP3-Player auf der Aschebahn. Ich meine, ich lass mir von meiner Freundin die Fussnaegel schneiden.
Abgesehen von dieser einen Woche in Berlin – und selbst da habe ich viel zu wenig Drogen genommen – bin ich seit Monaten frei von illegalen Substanzen. Ich sauf nur noch einmal die Woche. Ich liege bei einer Zigarette taeglich, abends. Ich mache Sport! Alles laeuft aus dem Ruder…

Nach sechs Runden, zwischen Liegestuetzen und Oberschenkeldehnung, Nancy: “Die haben mir jede Runde nachgerufen. Ich scheiss die jetzt bei ihrem Chef an.”. Ich bin dabei.

Hinter der Baracke, mit dem Bleistift hinterm Ohr, steht der Ingeniero, ueber Papier gebeugt. “… und haben uns jede Runde was nachgerufen, nur weil er Deutscher ist.”. Der Chef ist auch dabei.
Wir ueberqueren den Sportplatz, und hinter dem Zaun stehen schon die beiden Prolos, glotzen ganz unglaeubig, diesmal den Chef an. Fangen an zu arbeiten wie wild. Als wir fast da sind, packt der Kleine seine Schubkarre und zieht an uns vorbei. “Was willst du mit der Schubkarre? Komm mit.”. Der Chef ist jetzt ganz deutlich sauer. Es gibt Anschiss, vom Feinsten. Der Dicke nimmt sein Cap vom Kopf und kratzt sich, wie ein Affe, echt, sorry. “Beim naechsten Mal fliegt ihr raus.”.

Ich kann es echt nicht glauben.

Ich war immer der, der von weitem den Lehrer kommen sah, mit einem frisch Entwuerdigten im Schlepptau. Der mit 13 Stueck jahrelang den Verweis-Rekord am Finsterwalder-Gymnasium hielt, bis 2000 der Fischer beim Spicken erwischt wurde. Der eine halbe Stunde beim Chef im Zimmer sass, weil der Personalchefin in der Kantine die Worte gefehlt hatten.
Jetzt stehen mir zwei gruebelnde Jungs gegenueber und drucksen muehsam ein “Perdon” hervor. Ich kann’s echt nicht glauben. Dass ich auf der anderen Seite stehe.

Con Carlos

April 23, 2008 by goneastray

Das Neue an diesem ganzen Mexico-Experiment sind ja nicht die Palmen, die farbigen Haeuser, die fettigen Tacos, das langgezogene Spanisch. Fuer mich ist es die voellige Einbettung in eine einfache, schlichte Arbeiterfamilie: Nancys Karriere verlief zwischen einem Marktstand mit Puppen, einem Bankschalter und dem eigenen Saft- und Sandwichladen. Ihr Vater faehrt Krankenwagen, ihre Mutter verkauft Kerzen in einer Kirche. Die Leute die staendig bei meiner Vermieterin, Nancys Oma Doña Tina, zu Besuch sind, das sind die Putzfrau Carmen, der alte Schlosser Chucho, die dicke Chavella, die von den Alimenten ihres Ex-Mannes lebt. Und mein Mitbewohner, die kleine schwule Chiquis, ist gerade von ihrem Job als Kuechenhilfe gefeuert worden, wegen ihrer staendigen Sauferei.

Das sind alles einfache Leute ohne Allueren, und die Gespraeche bestehen aus Klatsch aus der Nachbarschaft, den letzten Neuigkeiten im Verwandten- und Bekanntenkreis, und, naja, Wetter, Essen, usw. Das wird dann mit althergebrachten Weisheiten, Spruechen und tausendmal gehoerten Witzen kommentiert. Und ich bin da gerne dabei und wundere mich manchmal, wie gut ich mich da einfinde. Aber manchmal sehne ich mich doch nach meinem Penthouse im Elfenbeinturm, und gehe zu Carlos.

Dann gehe ich vor die Tuer, ueber die im Freien stehende Treppe, die die beiden Haeuser verbindet, links unten die ganzen Toepfe mit dem Gruenzeug, nur ein Stockwerk nach oben und klopfe gegenueber an der Tuer mit dem Gitter. Normalerweise wird das mit einem hektischen Bellen beantwortet. Dann geht die Tuer auf, Africa springt mich an, ein kleiner weiss-grauer Wuschelhund, dann blicke ich in das grinsende Gesicht von Carlos. Carlos: Gross, sportlich, kurze Normalofrisur, studentisch-kleine Hornbrille, immer etwas derangiert, schlecht rasiert, schiefe Zaehne im breiten Mund, freundlich, ein wenig abwesend.

Dann reicht er mir seine Pranke, einmal klatschen, einmal die Faeuste zusammen, und dann kommen wir ganz schnell zwischen Tuer und Angel auf Grundsaetzliches. Carlos’ Staerke: Kapitalismuskritik. Carlos ist einer, der vom Wetter zum Klimawandel kommt, dem es gar nicht theoretisch genug zugehen kann. BWL-Absolvent, zwischen Kant und Marx gefangen, verdient sich Carlos seine Pesos momentan in den Bussen.

***

Mit der Gitarre auf dem Ruecken zieht er dann los zur Eje Sur, bittet mit vorgehaltenem Instrument den Busfahrer um Einlass und stellt sich dorthin, wo Platz ist. Dann faengt er einfach an, schlaegt ein paar Akkorde, und spaetestens wenn er mit sicherer Stimme anfaengt zu singen ueber Leben, Liebe und die Sorgen des einfachen Mannes, kann man im Bus eine Nadel fallen hoeren.

Und wenn es dann regnet und Tropfen leise gegen die Scheiben tupfen, dann wird der Heimweg von der Arbeit, die abgewetzte Aktentasche, das eingeschlafene Kind im Arm des Vaters, dann wird dieser ganze abgefuckte Bus im Feierabendverkehr von Mexiko City zum Symbol des ewigen kleinen Kampfes um’s Ueberleben. Ein, zwei Leute steigen aus, eine ueberschminkte Alte mit schlecht gefaerbten Haaren steigt zu, und Carlos singt. Manchmal uebertoent seine Stimme die Gitarre so laut, dass auch die in den ersten Reihen sich umdrehen und sich ein bisschen beschaemt fuehlen. Und Carlos ist ganz bei sich.

Nach fuenf sechs Liedern ist Schluss:

“Guten Abend señores und señoras. Mein Name ist Carlos. Ich hoffe es hat Ihnen gefallen. Es wuerde mich freuen, wenn Sie mir mit etwas Kleingeld helfen koennten. Vielen Dank und einen schoenen Abend.”

Dann geht der Diplomoekonom Carlos durch die Reihen und sammelt aus ziemlich vielen Haenden ziemlich wenige Pesos ein. Und als waere nichts gewesen kommt er zurueck mit seiner Gitarre, grinst breit und sagt: “Mann Alter, was fuer ein Regen.”.

***

Sonntag: Wir fahren in die Marqueza, mexikanisches Voralpenland, ohne Musik, Radio und Boxen wurden geklaut, waehrend wir in Deutschland waren. Ich fahre. In Mexiko – das ist ja der absolute Witz – kauft man sich den Fuehrerschein einfach.

Auf dem Beifahrersitz Nancy, die nach hinten gebeugt ganz angeregt mit Sandkastenfreund Carlos ratscht, der wiederum eine wild wuselnde Africa im Arm haelt und erfolglos das Gespraech auf Kapitalismuskritik zu lenken versucht. Der Verkehr aus Mexiko City heraus ist dicht aber schnell, und die Landschaft wechselt in Minutenschnelle von seelenloser, hoher Bueroarchitektur ueber Tankstellenwueste zu huegeliger Schnellstrasse im Nadelwald: Das ist schon die Marqueza.

Es gibt festgelegt Aussteigepunkte, da sammeln sich die Staedter zwischen Tacostaenden und Go-Kart-Bahnen zum Naturerlebnis. Aber weiter, gegenueber, ist ein Berg, leere Felder, und oben ein Wald, und da fahren wir jetzt hin.

***

Wir biegen ab von der Schnellstrasse, kommen ueber steilen Zement ins Dorf und stellen das Auto oben ab, am Rand zu den Feldern.

Africa springt aus dem Fenster und jagt einen noch kleineren Hund unter den naechstgelegenen Kaefer. Carlos rennt hinterher. Nancy holt die Wasserflasche aus dem Kofferraum, ich schnalle mir den Rucksack mit den Sandwiches auf.

Nach oben, zu den Feldern, ein Weg zwischen Bungalows und Baracken, kein Mensch, nur die Vorgaerten bevoelkert mit Truthaehnen und Eseln, die Einfahrten mit klapprigen Hunden. Dann ein staubiger Pfad zwischen staubigen Feldern, links Agaven, rechts Mais. Dann nur noch Feld, steile rotbraune Erde, Africa in einer Staubwolke um uns herum. Wir schwitzen. Ploetzlich die Schlange, klein, schwarzundweiss. Schlaengelt sich weg. Dann der Wald, wie eine Wand. Wir blicken noch einmal zurueck, die Felder in rotem Gold, das Dorf, wie abgelegt, die Schnellstrasse, der gegenueberliegende Berg, der koennte auch an der Mosel liegen.

Dann rein. Nur der Anfang ist schwer, das Gestruepp, dann liegt ein steiler Hang vor uns, rotes rutschiges Laub im Schatten der Baeume. Kein Weg.

Wir steigen los, kaempfen und wortlos nach oben. Zehn Minuten. Jetzt kreuzt doch ein Trampelpfad, wir gehen links, da scheint es nach kurzer Diskussion nach oben zu gehen. Und bald treten wir aus dem Wald in sanftes Nachmittagslicht, schon der Gipfel, wieder ein baumloses staubiges unbestelltes Feld, darueber nur Himmel.

Durch Staub stapfen wir zum hoechsten Punkt, und Schritt fuer Schritt erschliesst sich eine fussballfeldgrosse Hochebene, mit Schafen gegenueber, zwei Hirten, kurz der Gedanke: Rauben die uns jetzt aus?, und ein gepflasterter Weg, der eine Schleife durch die Gegend zieht.

Am Rand des Weges lassen wir uns auf einer Grasnarbe nieder, die Hirten im Blick, die Hirten uns im Blick. Ich hole die Sandwiches raus und Carlos aus dem Nichts eine Sardinendose und einen Dosenoeffner. Alles wird gerecht durch vier geteilt, hungrig gegessen, dann geratscht bei Zigarette. Wie Nancy mal Faschingsprinzessin in ihrem Dorf in Oaxaca war, wie ich in Goa mal in einer stickigen indischen Nacht Freundschaft mit dem Bahnhofsvorsteher schloss, wie sie Carlos mal als Kind das Fahrrad geklaut haben (“Du hast so ein schoenes Fahrrad, darf ich das mal ausprobieren?”), daraus abgeleitet Kapitalismuskritik. Dann etwas Wasser fuer Africa in die Konservendose, ihre Nase hektisch stubsend links und rechts davon, Carlos: “Die ist so bloed.”, dann wird es auch schon kuehl und Zeit fuer den Abstieg.

Das geht so schnell, das Feld, der Laubhang, halb springend halb rutschend, die Agavenfelder, ein Esel in der Mitte des Weges, das Auto aufgeschlossen, die Hosen abgestaubt, eine Drehung im Schloss, und schon sind wir auf der Schnellstrasse.

***

In Mexiko City, auf der Reforma, schnarcht Carlos schon, den Kopf im Nacken auf der Rueckbank abgelegt, und Africa, ganz ruhig, im Arm.

Desaster

April 11, 2008 by goneastray

Einfach aufstehen – nicht besoffen wirken. Noch schnell den Rest 100 Años – Tequila wegziehen. Nicht der Kellnerin in die Augen sehen, das koennte “einfach aufstehen – nicht besoffen wirken” ernsthaft entgegen wirken. Rausgehen, nicht wanken: Es regnet.

Die Regenzeit in Mexiko hat angefangen, das sehe ich nicht als Omen. Es riecht wieder so leicht nach Mist, das sehe ich nicht als Metapher. Es riecht eher so suesslich nach Mist; aber ich rieche auch seit kurzem rechts eher schlecht, genauer seit ich Nancys Schlankheitspille weggezogen habe und es dann auf links irgendwie gar nicht mehr ausprobieren wollte.

Ich bin einen guten Tag in Mexiko und eigentlich nur am Reagieren. Am Flughafen warten Doña Tina und Nancys Vater und ich will auf einmal gar nicht raus, nur zurueck nach Berlin, weil da viel zu viel unfinished business to do ist. Heute morgen auf der Delegacion, der Polizeistation, bei der Nancy ihren letzten Vor-Gerichtstermin hat, gegen die Ex-Freundin, ich stehe da europaeisch-imposant rum und schaue boese.

Jetzt regnet es halt wirklich arg.

Berlin war eigentlich ein Desaster..

Montag:

Ankommen, trinken, kiffen.

Dienstag:

Sightseeing, abends Pippin im Magnet. Pippin ist etwa fuenf Zentimeter groesser als ich. Zwei zweitkleinste Jaegermeister auf dem Weg in seine Wohnung in der Torstrasse, dann eine Flasche Wodka im Spaetkauf. Pippin: “Das reicht nicht.” Mehr weiss ich auch nicht.

Mittwoch:

Weiss ich auch nicht.

Donnerstag:

Sightseeing. Abends saufen mit Nancy und Cousine. Dann mit Cousine ins Weekend, Nancy zieht trotzig aus der Wohnung aus. Zum Weekend kann ich ebenfalls wenig sagen, nur dass ich am naechsten Morgen feststelle, dass dort Laurent Garnier auflegte.

Freitag:

Saufen, Panoramabar mit Nancy. Ein ganzes schlechtes und ein halbes gutes Teil. Speed. Langer Filmriss. Ins Zimmer von Cousine geschlichen, um Gras zu holen. Das Gleiche eine Stunde spaeter ohne Unterhosen. Rausgeschmissen worden.

Samstag:

Hotel, sightseeing, katering.

Sonntag:

Keine Erinnerung. Ach nee: Abends Roses, dann Franken Bar.

Montag:

Potsdam, Sanssouci, unter Weltkulturerbebaum geschissen.

Dienstag:

Netter Fucker, drei Flaschen Wein, schnelle Gespraeche, Mininase Pep, aufstehen um sechs.

Mittwoch:

Rueckflug. Feststellung: Desaster.

Rosenheim

März 26, 2008 by goneastray

Das Geilste war dann ja eigentlich, wie da mitten aus dem Stadtpark raus auf einmal der Rage angetaumelt kam, offensichtlich total verstoert und von all meinen Rosenheim-Bekanntschaften sicher die fertigste, und fragte: „Hey, was machst´n du hier?“.

Der Rage wechselte zwei Eisteepulverdosen und ein Fladenbrot in die Linke, reichte mir die Rechte und fuhr dann eigentlich mehr in den eiskalten Himmel hinein fort: „Ich dachte du waerst längst in Mexiko versumpft.“

„Bist du breit, Alter?“; ich suchte auch in seinen Pupillen, aber die waren punktklein, wie immer.
„Nee, ich hab nur drei Tage nicht geschlafen und komm grad aus der Arbeit“, meinte er, kratzte zweimal seine Glatze, sah in drei Richtungen gleichzeitig und eigentlich glaub ich dem Rage eh nix mehr, spaetestens seit er mir vor zwei Jahren 30 Gramm Berlin-Speed veruntreut hat, mit soner Razzia-Story.

Man konnte da auch nichts mehr machen, es gab nichts mehr zu bereden, irgendwie „Rosenheim, Dreckloch“ noch, beiderseitig, und wir gingen fort, er wieder in seine Bude mit der Ratte ueber dem Gasthaus, und Nancy und ich weiter Richtung Fußgängerzone.

Rosenheim war mittlerweile offenbar total tot. Ich kannte niemanden. Die jungen Gesichter waren alle neu, im Zentrum am Brunnen eine Totenstille, aus den Modehäusern und Dekorationsstuben kam nur noch ein hartnäckiges Aufrechterhalten, ein pastellfarbener Abklang, die Kälte hatte gewonnen, die Rentner das Regiment uebernommen.

In Rosenheim spricht man einen eigenen Dialekt, und ich wusste gar nicht mehr warum, auf was man da stolz hinweisen wollte; wir gingen noch durch den Karstadt, tranken Schokolade beim Bergmeister, es war alles nur noch feindlich und alt und die fünfzehn Jahre die ich hier gelebt habe ein kalter welker Punkt am Horizont.

Same same but different

März 24, 2008 by goneastray

Wunderschoen gelegen, echt, Bergsicht, mit Schnee und so drumrum. Endsaubere Luft, Bauersnachbarn mit gesunden Kaelbern und von Hand gemolkenen Kuehen, glueckliches Pferd, gepflegtes Auto, schoener Rhythmus, stinkt nach Mist.

Im Haus herrscht dann beinah meditative Stille. An Kugeldekorationen vorbei steht man im Hauseingang, waehlt den blumenbemalten Schluessel aus dem Bund, zieht sich natuerlich vorher die Schuh aus, tritt ein. Ein warmer Buttergeruch, nicht wie bei Oma, sondern wie aus der Rama-Werbung, Plastikosterhasen spiegeln sich mit Weidenkätzchen im Parkett. Die Mutter gruesst, kuesst, und kann bald nicht mehr vor lauter versuchtem Verstaendnis, vor lauter auf immer verpasstem Anschluss, weint Traenen, das war mal, das war mal ich, ich find da gar keinen Weg mehr. Ich muss das jetzt nur managen.
Es geht weiter auf geheizten Fliesen, vorbei an Spiegeln, Ostergestecken, viel gebeiztem Holz; in der Kueche duftet Gruentee-Orange. Man kann da ueberhaupt nichts dagegen sagen. Man koennte dem ganzen Scheiss eigentlich sein Leben widmen. „Qué bonitas flores.“, sagt auch Nancy, was fuer schoene Blumen.

Ich bin pervers, tut mir leid, ich lutsch noch immer gern Schwaenze, ich zieh jede sonstwie gefaerbte und hingehaltene Line weg, ich such den Abgrund, ich brauche Techno, und ohne Verzweiflung fuehl ich nichts.

Ich bin auch bald wieder da.

In Berlin.

Kaviar

März 23, 2008 by goneastray

„Die Eier werden jetzt von dem anhaftenden Ovarialgewebe getrennt.“
Deutschland ist wieder da, in aller Klarheit, in der sauberen Luft, und jetzt auch im Fernsehen. Nach Mexiko ist da jetzt wieder das Kuschelweichphaenomen mit vollem Realitaetskontakt, Fragen nach Zukunftsplaenen, Fahren im Phaeton, mal im Wald spazierengehen, die ganze Kosmetiklinie von Gertraud Gruber, die Villa im Voralpenland, und zwei Eltern. Und Nancy gefaellt das. Sie sieht auch nicht den krassen Unterschied zwischen dem, was ich will und diesem vanillenen hochoptimierten Oberklasseleben das hier gelebt und genossen wird. Ich hatte das zu lange, es langweilt mich; ich kann das eine Woche geniessen, aber dann muss ich auch wieder nach Berlin oder weiter nach vorn.
Nancy grunzt gerade unten auf einer Couch die mehr kostet als ihr Department. Nancy kann das gar nicht verstehen.

Es kam alles ganz schnell. Der letzte Tag, die Graffitis in México, der Rush unter Palmen zum Flughafen, noch Winterschuhe unterwegs. Dann der Kampf um die Ausreiseerlaubnis, das Visum zurueckgelassen in der Arbeit, da wollte ich einfach nicht mehr hin, last-minute-Bestechung an der Passkontrolle, dann Rotwein-Amsterdam-Berlin-München.
Wir sind jetzt hier im Schnee und ich verwechsle staendig Z mit Y auf der Tastatur. Besser fuer mein Passwort. Wir joggen, wir essen gut, wir fuehren angestrengte Gespraeche mit meinen Eltern am Tisch.
Der Vater streitet, schreit: Ich will meine Freunde treffen, und dabei hatte man doch so gehofft, dass all dieser Drogensumpf, dieses Verlorensein mit Business-Degree und Auslandseinsatz, dass all diese asoziale Lebensfreude doch nun mit Nancy ein fuer allemal ein Ende habe.

„Willst du mit den Drogen so weitermachen?“: Mutter.
Junkie-Sohn antwortet: „Ja, und schert euch nicht mehr drum.“

Verwundung.

Es wird dann auch eine Welt draus, mit Phasen. So Marlborowelt, langsam, schaedlich aber konsensfaehig. Mit Nancy und Eltern.

Nee, weg hier, raus.

Berlin.

bald