Veracruz

Mai 16, 2008 by goneastray

“Erst ma kacken, Alter.”. Vorsichtig lasse ich mich auf der knallroten, unbedeckten Schuessel nieder. Denn noch immer gibt es Momente, in denen ich Deutsch denke und spreche.

Das Unangenehme an diesem Klo hier in Veracruz ist die fehlende Spuelung. Deswegen neben meinen Fuessen die Plastikschuessel voll Wasser aus dem grossen Fass im Hof. Dort regiert Booker, saugeiler Kampfhund, Freund von mir, andere story. Das Dumme an der Schuesseltechnik ist, dass man das Wasser erst nach dem Scheissen zugibt und nicht schon mal vorspuelen kann, wenn nach ein zwei Murmeln langsam der Geruch ankommt. Und ich schwitze.

Veracruz ist extrem heiss, ueber 30 Grad tagsueber. Die ersten Naechte haben wir das Bettlaken in kaltem Wasser getraenkt; am Morgen war es furztrocken und die Haut mit dutzenden kleinen Moskitobissen uebersaet. Fuer diese Hitze wiederum ist die Schuesseltechnik wie geschaffen: Tagsueber schliesse ich mich alle halbe Stunde in einem kleinen Badehaeuschen neben dem Klo ein und giesse mir ein paar Schuesseln Wasser ueber den Kopf. Die Badehose habe sich seit Tagen nicht ausgezogen.

Veracruz war eine weitere glueckliche Wendung, ein Geschenk des Himmels, wir sehen: Gott ist mit den Tunichtguten. Ich habe seit Dezember nicht gearbeitet, keinen Strich getan, nur Atteste gefaelscht, silberne Manschettenknoepfe verkauft, die Steuererklaerung gemacht und zwischendurch mal die Fender verpfaendet. Vor einer Woche, als ich schon fast auf die Idee kam mir Arbeit zu suchen,  kam von Nancys Mutter der Vorschlag mit Veracruz, die Familie besuchen.  Und bei der sind wir jetzt schon seit einer Woche und verbringen die Tage am Meer. Die Straende sind leer, das Wasser sauber und reich an Fischen und anderem Getier. Ich trage einen Krebsbiss am Daumen und zwei an den Zehen.

Und Veracruz fuehlt sich saugut an. Mexico City begann mich zu langweilen, ich hatte das Meiste gesehen, der Geruch stoerte nurnoch, der Verkehr war ein taeglicher Kampf, Mexico City war nur eine Megastadt gone bad. Veracruz ist wieder bunter, die Menschen dunkler, ein unaufdringlicher Touristenort mit viel Palmen, Grand Hotels und abends gebratenem Scheiss. Veracruz riecht nach Urlaub, nach Sonnenoel, nach Meeresfruechten, und ein bisschen auch nach Geld. Nancy und ich werden hier herziehen, das habe ich gerade in dieser stickigen Toilette beschlossen.

The other side

April 30, 2008 by goneastray

Es zieht. Nancy drueckt meine Knie noch weiter nach unten, da kommt es ueber den Zaun: “Deine Eier!”. Es sind die saudummen Bauarbeiter, die den Sportplatz in Caracoles ausbauen und bereits seit einer guten Weile herglotzen als waere Hernán Cortéz gerade eben erst an Land gegangen. Ich presse meine Augen zusammen, schwitze noch ein bisschen mehr und denke erstmal ich hab nicht richtig gehoert.
“¡Güerito!” jetzt. Das lasst keine Zweifel mehr offen. “Güero”, Bleicher, werde ich hier bei jeder Gelegnheit genannt:

“Was darf’s sein, Bleicher?”
“Mit was drauf, Bleicher?”
“Zum Mitnehmen Bleicher?”
“Macht 15 Peso, Bleicher.”

Nach einem halben Jahr in Mexiko habe ich mich langsam an diesen Sonderstatus gewoehnt. Daran, in jedem Restaurant die Rechnung nachrechnen zu muessen, weil man mich als Weissen fuer reich haelt und somit bescheissen darf. Daran, an jeder Ecke angestarrt zu werden wie im Zoo, an vorbeifahrende Busse mit zwanzig auf mich gerichteten Augenpaaren. Als “Bleicher” angeredet zu werden, auch wenn mir das jedes Mal schraeg einfaehrt. Das ist die gewoehnliche Diskrimination, reverser Rassismus, hab ich jeden Tag. Aber einfach so bei Dehnuebungen dumm auf meine Eier angelabert zu werden, das ist neu.

Wir wechseln, ich schau nicht mal, und druecke nun Nancys Beine auseinander.
“Stinkt nach Muschi.”

Jetzt seh ich doch rueber und erkenne unter den Baeumen zwei Jungs in weiten Gangsterklamotten, der eine fett, auf einen Spaten gelehnt, der andere kleiner, mit Milchbart und ausrasierten Seiten. Kaugummikauend, abwartend.

Naja, lachen, “Auf geht’s Nancy, sechs Runden.”.
Ich schalte die Mucke an, Jeff Mills und Green Velvet, das ist alles was geblieben ist vom Tresor, von durchgewachten Wochenenden, als alles nur der Moment war, eine zukunftslose Insel im Glueck, als diese Nachmittage im Sommer mit der Bong, oh scheisse, als ich noch allein war und so reich an Empfindung, als mir jeder verfickte Grashalm in’s Bewusstsein schlug wie glaenzender Strom, und jetzt: Green Velvet im MP3-Player auf der Aschebahn. Ich meine, ich lass mir von meiner Freundin die Fussnaegel schneiden.
Abgesehen von dieser einen Woche in Berlin – und selbst da habe ich viel zu wenig Drogen genommen – bin ich seit Monaten frei von illegalen Substanzen. Ich sauf nur noch einmal die Woche. Ich liege bei einer Zigarette taeglich, abends. Ich mache Sport! Alles laeuft aus dem Ruder…

Nach sechs Runden, zwischen Liegestuetzen und Oberschenkeldehnung, Nancy: “Die haben mir jede Runde nachgerufen. Ich scheiss die jetzt bei ihrem Chef an.”. Ich bin dabei.

Hinter der Baracke, mit dem Bleistift hinterm Ohr, steht der Ingeniero, ueber Papier gebeugt. “… und haben uns jede Runde was nachgerufen, nur weil er Deutscher ist.”. Der Chef ist auch dabei.
Wir ueberqueren den Sportplatz, und hinter dem Zaun stehen schon die beiden Prolos, glotzen ganz unglaeubig, diesmal den Chef an. Fangen an zu arbeiten wie wild. Als wir fast da sind, packt der Kleine seine Schubkarre und zieht an uns vorbei. “Was willst du mit der Schubkarre? Komm mit.”. Der Chef ist jetzt ganz deutlich sauer. Es gibt Anschiss, vom Feinsten. Der Dicke nimmt sein Cap vom Kopf und kratzt sich, wie ein Affe, echt, sorry. “Beim naechsten Mal fliegt ihr raus.”.

Ich kann es echt nicht glauben.

Ich war immer der, der von weitem den Lehrer kommen sah, mit einem frisch Entwuerdigten im Schlepptau. Der mit 13 Stueck jahrelang den Verweis-Rekord am Finsterwalder-Gymnasium hielt, bis 2000 der Fischer beim Spicken erwischt wurde. Der eine halbe Stunde beim Chef im Zimmer sass, weil der Personalchefin in der Kantine die Worte gefehlt hatten.
Jetzt stehen mir zwei gruebelnde Jungs gegenueber und drucksen muehsam ein “Perdon” hervor. Ich kann’s echt nicht glauben. Dass ich auf der anderen Seite stehe.

Con Carlos

April 23, 2008 by goneastray

Das Neue an diesem ganzen Mexico-Experiment sind ja nicht die Palmen, die farbigen Haeuser, die fettigen Tacos, das langgezogene Spanisch. Fuer mich ist es die voellige Einbettung in eine einfache, schlichte Arbeiterfamilie: Nancys Karriere verlief zwischen einem Marktstand mit Puppen, einem Bankschalter und dem eigenen Saft- und Sandwichladen. Ihr Vater faehrt Krankenwagen, ihre Mutter verkauft Kerzen in einer Kirche. Die Leute die staendig bei meiner Vermieterin, Nancys Oma Doña Tina, zu Besuch sind, das sind die Putzfrau Carmen, der alte Schlosser Chucho, die dicke Chavella, die von den Alimenten ihres Ex-Mannes lebt. Und mein Mitbewohner, die kleine schwule Chiquis, ist gerade von ihrem Job als Kuechenhilfe gefeuert worden, wegen ihrer staendigen Sauferei.

Das sind alles einfache Leute ohne Allueren, und die Gespraeche bestehen aus Klatsch aus der Nachbarschaft, den letzten Neuigkeiten im Verwandten- und Bekanntenkreis, und, naja, Wetter, Essen, usw. Das wird dann mit althergebrachten Weisheiten, Spruechen und tausendmal gehoerten Witzen kommentiert. Und ich bin da gerne dabei und wundere mich manchmal, wie gut ich mich da einfinde. Aber manchmal sehne ich mich doch nach meinem Penthouse im Elfenbeinturm, und gehe zu Carlos.

Dann gehe ich vor die Tuer, ueber die im Freien stehende Treppe, die die beiden Haeuser verbindet, links unten die ganzen Toepfe mit dem Gruenzeug, nur ein Stockwerk nach oben und klopfe gegenueber an der Tuer mit dem Gitter. Normalerweise wird das mit einem hektischen Bellen beantwortet. Dann geht die Tuer auf, Africa springt mich an, ein kleiner weiss-grauer Wuschelhund, dann blicke ich in das grinsende Gesicht von Carlos. Carlos: Gross, sportlich, kurze Normalofrisur, studentisch-kleine Hornbrille, immer etwas derangiert, schlecht rasiert, schiefe Zaehne im breiten Mund, freundlich, ein wenig abwesend.

Dann reicht er mir seine Pranke, einmal klatschen, einmal die Faeuste zusammen, und dann kommen wir ganz schnell zwischen Tuer und Angel auf Grundsaetzliches. Carlos’ Staerke: Kapitalismuskritik. Carlos ist einer, der vom Wetter zum Klimawandel kommt, dem es gar nicht theoretisch genug zugehen kann. BWL-Absolvent, zwischen Kant und Marx gefangen, verdient sich Carlos seine Pesos momentan in den Bussen.

***

Mit der Gitarre auf dem Ruecken zieht er dann los zur Eje Sur, bittet mit vorgehaltenem Instrument den Busfahrer um Einlass und stellt sich dorthin, wo Platz ist. Dann faengt er einfach an, schlaegt ein paar Akkorde, und spaetestens wenn er mit sicherer Stimme anfaengt zu singen ueber Leben, Liebe und die Sorgen des einfachen Mannes, kann man im Bus eine Nadel fallen hoeren.

Und wenn es dann regnet und Tropfen leise gegen die Scheiben tupfen, dann wird der Heimweg von der Arbeit, die abgewetzte Aktentasche, das eingeschlafene Kind im Arm des Vaters, dann wird dieser ganze abgefuckte Bus im Feierabendverkehr von Mexiko City zum Symbol des ewigen kleinen Kampfes um’s Ueberleben. Ein, zwei Leute steigen aus, eine ueberschminkte Alte mit schlecht gefaerbten Haaren steigt zu, und Carlos singt. Manchmal uebertoent seine Stimme die Gitarre so laut, dass auch die in den ersten Reihen sich umdrehen und sich ein bisschen beschaemt fuehlen. Und Carlos ist ganz bei sich.

Nach fuenf sechs Liedern ist Schluss:

“Guten Abend señores und señoras. Mein Name ist Carlos. Ich hoffe es hat Ihnen gefallen. Es wuerde mich freuen, wenn Sie mir mit etwas Kleingeld helfen koennten. Vielen Dank und einen schoenen Abend.”

Dann geht der Diplomoekonom Carlos durch die Reihen und sammelt aus ziemlich vielen Haenden ziemlich wenige Pesos ein. Und als waere nichts gewesen kommt er zurueck mit seiner Gitarre, grinst breit und sagt: “Mann Alter, was fuer ein Regen.”.

***

Sonntag: Wir fahren in die Marqueza, mexikanisches Voralpenland, ohne Musik, Radio und Boxen wurden geklaut, waehrend wir in Deutschland waren. Ich fahre. In Mexiko – das ist ja der absolute Witz – kauft man sich den Fuehrerschein einfach.

Auf dem Beifahrersitz Nancy, die nach hinten gebeugt ganz angeregt mit Sandkastenfreund Carlos ratscht, der wiederum eine wild wuselnde Africa im Arm haelt und erfolglos das Gespraech auf Kapitalismuskritik zu lenken versucht. Der Verkehr aus Mexiko City heraus ist dicht aber schnell, und die Landschaft wechselt in Minutenschnelle von seelenloser, hoher Bueroarchitektur ueber Tankstellenwueste zu huegeliger Schnellstrasse im Nadelwald: Das ist schon die Marqueza.

Es gibt festgelegt Aussteigepunkte, da sammeln sich die Staedter zwischen Tacostaenden und Go-Kart-Bahnen zum Naturerlebnis. Aber weiter, gegenueber, ist ein Berg, leere Felder, und oben ein Wald, und da fahren wir jetzt hin.

***

Wir biegen ab von der Schnellstrasse, kommen ueber steilen Zement ins Dorf und stellen das Auto oben ab, am Rand zu den Feldern.

Africa springt aus dem Fenster und jagt einen noch kleineren Hund unter den naechstgelegenen Kaefer. Carlos rennt hinterher. Nancy holt die Wasserflasche aus dem Kofferraum, ich schnalle mir den Rucksack mit den Sandwiches auf.

Nach oben, zu den Feldern, ein Weg zwischen Bungalows und Baracken, kein Mensch, nur die Vorgaerten bevoelkert mit Truthaehnen und Eseln, die Einfahrten mit klapprigen Hunden. Dann ein staubiger Pfad zwischen staubigen Feldern, links Agaven, rechts Mais. Dann nur noch Feld, steile rotbraune Erde, Africa in einer Staubwolke um uns herum. Wir schwitzen. Ploetzlich die Schlange, klein, schwarzundweiss. Schlaengelt sich weg. Dann der Wald, wie eine Wand. Wir blicken noch einmal zurueck, die Felder in rotem Gold, das Dorf, wie abgelegt, die Schnellstrasse, der gegenueberliegende Berg, der koennte auch an der Mosel liegen.

Dann rein. Nur der Anfang ist schwer, das Gestruepp, dann liegt ein steiler Hang vor uns, rotes rutschiges Laub im Schatten der Baeume. Kein Weg.

Wir steigen los, kaempfen und wortlos nach oben. Zehn Minuten. Jetzt kreuzt doch ein Trampelpfad, wir gehen links, da scheint es nach kurzer Diskussion nach oben zu gehen. Und bald treten wir aus dem Wald in sanftes Nachmittagslicht, schon der Gipfel, wieder ein baumloses staubiges unbestelltes Feld, darueber nur Himmel.

Durch Staub stapfen wir zum hoechsten Punkt, und Schritt fuer Schritt erschliesst sich eine fussballfeldgrosse Hochebene, mit Schafen gegenueber, zwei Hirten, kurz der Gedanke: Rauben die uns jetzt aus?, und ein gepflasterter Weg, der eine Schleife durch die Gegend zieht.

Am Rand des Weges lassen wir uns auf einer Grasnarbe nieder, die Hirten im Blick, die Hirten uns im Blick. Ich hole die Sandwiches raus und Carlos aus dem Nichts eine Sardinendose und einen Dosenoeffner. Alles wird gerecht durch vier geteilt, hungrig gegessen, dann geratscht bei Zigarette. Wie Nancy mal Faschingsprinzessin in ihrem Dorf in Oaxaca war, wie ich in Goa mal in einer stickigen indischen Nacht Freundschaft mit dem Bahnhofsvorsteher schloss, wie sie Carlos mal als Kind das Fahrrad geklaut haben (“Du hast so ein schoenes Fahrrad, darf ich das mal ausprobieren?”), daraus abgeleitet Kapitalismuskritik. Dann etwas Wasser fuer Africa in die Konservendose, ihre Nase hektisch stubsend links und rechts davon, Carlos: “Die ist so bloed.”, dann wird es auch schon kuehl und Zeit fuer den Abstieg.

Das geht so schnell, das Feld, der Laubhang, halb springend halb rutschend, die Agavenfelder, ein Esel in der Mitte des Weges, das Auto aufgeschlossen, die Hosen abgestaubt, eine Drehung im Schloss, und schon sind wir auf der Schnellstrasse.

***

In Mexiko City, auf der Reforma, schnarcht Carlos schon, den Kopf im Nacken auf der Rueckbank abgelegt, und Africa, ganz ruhig, im Arm.

Desaster

April 11, 2008 by goneastray

Einfach aufstehen - nicht besoffen wirken. Noch schnell den Rest 100 Años - Tequila wegziehen. Nicht der Kellnerin in die Augen sehen, das koennte “einfach aufstehen - nicht besoffen wirken” ernsthaft entgegen wirken. Rausgehen, nicht wanken: Es regnet.

Die Regenzeit in Mexiko hat angefangen, das sehe ich nicht als Omen. Es riecht wieder so leicht nach Mist, das sehe ich nicht als Metapher. Es riecht eher so suesslich nach Mist; aber ich rieche auch seit kurzem rechts eher schlecht, genauer seit ich Nancys Schlankheitspille weggezogen habe und es dann auf links irgendwie gar nicht mehr ausprobieren wollte.

Ich bin einen guten Tag in Mexiko und eigentlich nur am Reagieren. Am Flughafen warten Doña Tina und Nancys Vater und ich will auf einmal gar nicht raus, nur zurueck nach Berlin, weil da viel zu viel unfinished business to do ist. Heute morgen auf der Delegacion, der Polizeistation, bei der Nancy ihren letzten Vor-Gerichtstermin hat, gegen die Ex-Freundin, ich stehe da europaeisch-imposant rum und schaue boese.

Jetzt regnet es halt wirklich arg.

Berlin war eigentlich ein Desaster..

Montag:

Ankommen, trinken, kiffen.

Dienstag:

Sightseeing, abends Pippin im Magnet. Pippin ist etwa fuenf Zentimeter groesser als ich. Zwei zweitkleinste Jaegermeister auf dem Weg in seine Wohnung in der Torstrasse, dann eine Flasche Wodka im Spaetkauf. Pippin: “Das reicht nicht.” Mehr weiss ich auch nicht.

Mittwoch:

Weiss ich auch nicht.

Donnerstag:

Sightseeing. Abends saufen mit Nancy und Cousine. Dann mit Cousine ins Weekend, Nancy zieht trotzig aus der Wohnung aus. Zum Weekend kann ich ebenfalls wenig sagen, nur dass ich am naechsten Morgen feststelle, dass dort Laurent Garnier auflegte.

Freitag:

Saufen, Panoramabar mit Nancy. Ein ganzes schlechtes und ein halbes gutes Teil. Speed. Langer Filmriss. Ins Zimmer von Cousine geschlichen, um Gras zu holen. Das Gleiche eine Stunde spaeter ohne Unterhosen. Rausgeschmissen worden.

Samstag:

Hotel, sightseeing, katering.

Sonntag:

Keine Erinnerung. Ach nee: Abends Roses, dann Franken Bar.

Montag:

Potsdam, Sanssouci, unter Weltkulturerbebaum geschissen.

Dienstag:

Netter Fucker, drei Flaschen Wein, schnelle Gespraeche, Mininase Pep, aufstehen um sechs.

Mittwoch:

Rueckflug. Feststellung: Desaster.

Rosenheim

März 26, 2008 by goneastray

Das Geilste war dann ja eigentlich, wie da mitten aus dem Stadtpark raus auf einmal der Rage angetaumelt kam, offensichtlich total verstoert und von all meinen Rosenheim-Bekanntschaften sicher die fertigste, und fragte: „Hey, was machst´n du hier?“.

Der Rage wechselte zwei Eisteepulverdosen und ein Fladenbrot in die Linke, reichte mir die Rechte und fuhr dann eigentlich mehr in den eiskalten Himmel hinein fort: „Ich dachte du waerst längst in Mexiko versumpft.“

„Bist du breit, Alter?“; ich suchte auch in seinen Pupillen, aber die waren punktklein, wie immer.
„Nee, ich hab nur drei Tage nicht geschlafen und komm grad aus der Arbeit“, meinte er, kratzte zweimal seine Glatze, sah in drei Richtungen gleichzeitig und eigentlich glaub ich dem Rage eh nix mehr, spaetestens seit er mir vor zwei Jahren 30 Gramm Berlin-Speed veruntreut hat, mit soner Razzia-Story.

Man konnte da auch nichts mehr machen, es gab nichts mehr zu bereden, irgendwie „Rosenheim, Dreckloch“ noch, beiderseitig, und wir gingen fort, er wieder in seine Bude mit der Ratte ueber dem Gasthaus, und Nancy und ich weiter Richtung Fußgängerzone.

Rosenheim war mittlerweile offenbar total tot. Ich kannte niemanden. Die jungen Gesichter waren alle neu, im Zentrum am Brunnen eine Totenstille, aus den Modehäusern und Dekorationsstuben kam nur noch ein hartnäckiges Aufrechterhalten, ein pastellfarbener Abklang, die Kälte hatte gewonnen, die Rentner das Regiment uebernommen.

In Rosenheim spricht man einen eigenen Dialekt, und ich wusste gar nicht mehr warum, auf was man da stolz hinweisen wollte; wir gingen noch durch den Karstadt, tranken Schokolade beim Bergmeister, es war alles nur noch feindlich und alt und die fünfzehn Jahre die ich hier gelebt habe ein kalter welker Punkt am Horizont.

Same same but different

März 24, 2008 by goneastray

Wunderschoen gelegen, echt, Bergsicht, mit Schnee und so drumrum. Endsaubere Luft, Bauersnachbarn mit gesunden Kaelbern und von Hand gemolkenen Kuehen, glueckliches Pferd, gepflegtes Auto, schoener Rhythmus, stinkt nach Mist.

Im Haus herrscht dann beinah meditative Stille. An Kugeldekorationen vorbei steht man im Hauseingang, waehlt den blumenbemalten Schluessel aus dem Bund, zieht sich natuerlich vorher die Schuh aus, tritt ein. Ein warmer Buttergeruch, nicht wie bei Oma, sondern wie aus der Rama-Werbung, Plastikosterhasen spiegeln sich mit Weidenkätzchen im Parkett. Die Mutter gruesst, kuesst, und kann bald nicht mehr vor lauter versuchtem Verstaendnis, vor lauter auf immer verpasstem Anschluss, weint Traenen, das war mal, das war mal ich, ich find da gar keinen Weg mehr. Ich muss das jetzt nur managen.
Es geht weiter auf geheizten Fliesen, vorbei an Spiegeln, Ostergestecken, viel gebeiztem Holz; in der Kueche duftet Gruentee-Orange. Man kann da ueberhaupt nichts dagegen sagen. Man koennte dem ganzen Scheiss eigentlich sein Leben widmen. „Qué bonitas flores.“, sagt auch Nancy, was fuer schoene Blumen.

Ich bin pervers, tut mir leid, ich lutsch noch immer gern Schwaenze, ich zieh jede sonstwie gefaerbte und hingehaltene Line weg, ich such den Abgrund, ich brauche Techno, und ohne Verzweiflung fuehl ich nichts.

Ich bin auch bald wieder da.

In Berlin.

Kaviar

März 23, 2008 by goneastray

„Die Eier werden jetzt von dem anhaftenden Ovarialgewebe getrennt.“
Deutschland ist wieder da, in aller Klarheit, in der sauberen Luft, und jetzt auch im Fernsehen. Nach Mexiko ist da jetzt wieder das Kuschelweichphaenomen mit vollem Realitaetskontakt, Fragen nach Zukunftsplaenen, Fahren im Phaeton, mal im Wald spazierengehen, die ganze Kosmetiklinie von Gertraud Gruber, die Villa im Voralpenland, und zwei Eltern. Und Nancy gefaellt das. Sie sieht auch nicht den krassen Unterschied zwischen dem, was ich will und diesem vanillenen hochoptimierten Oberklasseleben das hier gelebt und genossen wird. Ich hatte das zu lange, es langweilt mich; ich kann das eine Woche geniessen, aber dann muss ich auch wieder nach Berlin oder weiter nach vorn.
Nancy grunzt gerade unten auf einer Couch die mehr kostet als ihr Department. Nancy kann das gar nicht verstehen.

Es kam alles ganz schnell. Der letzte Tag, die Graffitis in México, der Rush unter Palmen zum Flughafen, noch Winterschuhe unterwegs. Dann der Kampf um die Ausreiseerlaubnis, das Visum zurueckgelassen in der Arbeit, da wollte ich einfach nicht mehr hin, last-minute-Bestechung an der Passkontrolle, dann Rotwein-Amsterdam-Berlin-München.
Wir sind jetzt hier im Schnee und ich verwechsle staendig Z mit Y auf der Tastatur. Besser fuer mein Passwort. Wir joggen, wir essen gut, wir fuehren angestrengte Gespraeche mit meinen Eltern am Tisch.
Der Vater streitet, schreit: Ich will meine Freunde treffen, und dabei hatte man doch so gehofft, dass all dieser Drogensumpf, dieses Verlorensein mit Business-Degree und Auslandseinsatz, dass all diese asoziale Lebensfreude doch nun mit Nancy ein fuer allemal ein Ende habe.

„Willst du mit den Drogen so weitermachen?“: Mutter.
Junkie-Sohn antwortet: „Ja, und schert euch nicht mehr drum.“

Verwundung.

Es wird dann auch eine Welt draus, mit Phasen. So Marlborowelt, langsam, schaedlich aber konsensfaehig. Mit Nancy und Eltern.

Nee, weg hier, raus.

Berlin.

bald

Ein Anfang

März 5, 2008 by goneastray

Die Hangzhou-Station in Shanghai ist die groesste Bahnstation Chinas, West-Shanghai, ein roehrenfoermiges Terminal, es geht hier direkt zum internationale Flughafen Hongqiao. Ein Grossteil der Reisenden sind Auslaender. Auf dem gegenueberliegenden Rollband kommen dir ploetzlich blonde Mittzwanziger in Massanzug und VW-Tasche entgegen, hier findet auf einmal am oestlichsten Rand Chinas der Wiedereintritt in die westliche Welt statt.

Tyler steht nervoes auf der mittleren Plattform. Neben ihm ein grosser silberner Rollkoffer. Tylers Kopf nickt leicht. Hinter der Sonnenbrille haben sich seine Augen etwas zusammengezogen. Wenn man genau hinsieht, kann man sehen, dass er auf etwas kaut. Tyler hoert Techno. Es faellt ihm schwer, stillzustehen. Aus Angst vor der Flughafenkontrolle hatte er im Hotelzimmer zuletzt noch schnell das restliche Koks weggezogen und waere dann im Fahrstuhl beinahe kollabiert. Jetzt ist die Wirkung fast optimal. Er fuehlt sich frisch und energiegeladen, er steht jetzt mitten im Club und nickt dem Beat zu, und er gaebe ein Koenigreich fuer einen Kaugummi.
Der I-Pod laeuft, und stattdessen kaut er sich schon wieder die Wangen wund. Hangzhou ist sein Reich, da steht gerade ein technogemaesser Circle um ihn rum, da werden im Verstaendnis gerade drei Dimensionen voraus gestezt. Tyler sieht das ganz cool und hoert ein bisschen mehr auf Richie Hawtin, und weiss, dass er in zwoelf Stunden zuhause sein wird. Im Berghain. Und dass dann alles okay ist. Und findet den Kaugummi in der rechten Sackotasche. Der Flug geht ab zwanzig Uhr. Sogar der Stuart weiss, dass er rechtzeitig um zwei im Berghain sein wird. Dass dann gar keine Regel mehr gelten wird. Dass dann alles okay sein wird.

Tyler steht noch immer auf der mittleren Plattform, in der Vorstadt von Shanghai.

***

Power geht auf Technoparties, seit er 15 ist. Die erste Party war ein Trockennebelrave im Nachbarfdorf, Power und sein Cousin Schorsch steigen aus dem Bus am Rathaus und laufen durch die bayrische Nacht besoffen dem Sound entgegen. Fuenfzig Leute in der Festhalle vom Schuetzenverein, billige Anlage, alle besoffen, alle drauf. Aber bei Power hat es Klick gemacht.
Ab dann jedes Wochenende, immer weiter hinaus, in immer groessere Clubs, nach Muenchen, zu Rave on Snow, zur Love Parade, eh klar. Ein Berufsraver. Die Schlaghosen gehoerten dazu. Techno gehoerte dazu.
Irgendwann liess er sich mal in Amsterdam auf einer Ueberdosis Speed “I’ve got the power” in Frakturschrift auf die bleiche, nach innen gewoelbte Brust taettowieren.

Oberbayern, Bauernhaus. Die Eltern haben sich jahrelang die Finger als Klempner wundgearbeitet, ehrlich bis auf die Knochen den Kredit abbezahlt. Der Bruder ist im Gemeinderat, man kennt den Beruf der Nachbarn, in die Messe geht man nicht mehr; aber wenn in Stephanskirchen bei Rosenheim Starkbierfest ist, gehoert die Familie Leitkirchner zu den Sponsoren. Man steht in den gelben Seiten, und wer nicht gruesst ist ein Grantler, man steht sicher auf der sicheren Seite: Die Leitkirchners sind ein fester Begriff im Stephanskirchner Gemeindeleben.

Was die Leitkirchers nicht wissen, ist dass gerade Session im Zimmer ihres Sohnes Schorsch ist, dass sich da gerade fuer ein paar Bauernjungs Welten oeffnen, dass Stephanskirchen gerade zum wahrnehmungsmaessigen Mittelpunkt der Erde wird.
Wir hoeren jetzt Led Zeppelin, in Abwechslung mit dem neuesten Berlin-Sound, es ist Gras da beim Leitkirchner und die lokale Kiffer-Elite hat sich eingefunden.

Da sitzt ein Haufen Verlierer beisammen, einer lustiger als der andere. Die Flasche kreist, der Geldschein hinterher. Jeder schnupft sein Naeslein, keine Bemerkungen, Konsum ist in dieser Atmosphaere ein absolut angemessenes Mittel. Alles ist in dieser Atmosphaere moeglich und der Chiemsee ein Ozean.

Wir treten hier auf voellig neues Terrain. Der Raum ist voller Rauch, man hat sich an der Mutter mit einem “Servus!” vorbeigeschlaengelt, man sitzt jetzt vollig relaxed im abgeschlossenen Zimmer, der Corbi haelt die Bong beilaeufig in der rechten Hand und macht auf dem “Chicas”-Flyer eine 1:1. Hasch-Tabak-Mische zurecht. Der Corbi hat eh den Flow weg, jeder weiss das, wenn der Corbi rockt ist der Sound gut. Corbi schwitzt, Power freut sich, Schorsch pennt schon von den zwei Loewenbraeu vorher weg.

Mit der Zeit in der Szene, und da kann gar nicht genug vergehen, gewoehnt man sich an immer mehr, und der Schorsch, der sich gerade von zwei Hefeweizen breit fuehlt, ist in 2012 entweder Alkoholiker oder ganz krass in Berlin abgestuerzt, hat dann auch den Kotti kennengelernt, oder, im schlimmsten Fall: ist der Gesellschaft anheim gefallen, ein Dutzendmensch geworden, suechtig nach Bestaetigung.

Power, Corbi, Schorsch: Typen von dem Schlag, die man immer noch auf einen Drink ueberreden kann. Auch wenn da gerade Oberbayern das Zentrum ist, haben da so einige das Universum verstanden, den Range des Sounds, und wenn der Corbi ansagt, sollte so ziemlich jeder im Zimmer aufpassen.

Past, Future, Reality: Ausblick

März 3, 2008 by goneastray

Der beschissenste Sound, der dich aus deinem versoffenen Schlaf in einen verkaterten Freitagmorgen katapultieren kann, ist mexikanisches Fruehstuecksfernsehen:

“Y ahorita, ¡que paaadreee! (Zwischenkreisch der schoenoperierten Mitmoderatorinnen) vemos a la nueva colección de un amigo que siempre..

“Oh fuck Nancy, bitte, mach das aus…”.

Wie gesagt, es ist Freitagmorgen..

Die offizielle Version

“Vom 23.12.2007 bis 6.01.2008 habe ich Urlaub genommen. Ab dem 07.01. habe ich im 10. Stock gearbeitet, da mein Stuhl im 14. besetzt war. Deswegen hat man mich dort auch nicht gesehen.
Vom 13.01. bis 15.01. war ich auf einem spontanen Kurztrip mit meiner Freundin nach Cuernavaca, weswegen ich die Mail vom 13.01. leider weder lesen noch beantworten konnte. Dass ich mich fuer diesen Urlaub nicht vorher abgemeldet habe, tut mir leid.

Vom 16.01. bis 20.01. habe ich gearbeitet.

Am 21.01. wurde ich wegen einer Salmonelleninfektion ins PEMEX-Krankenhaus eingeliefert. Waehrend der ersten Woche war ich aus gesundheitlichen Gruenden nicht in der Lage, Bescheid zu geben. Anschliessend wurde ich bis 15.02. krank geschrieben.

Am Samstag, 16.02. wurde ich nahe der Metrostation Hidalgo von einem unbekannten Fahrzeug angefahren. Ich wurde mit Lesuren und Stauchungen ins staatliche Krankenhaus Ruben Leñero eingeliefert. Die folgenden beiden Wochen verbrachte ich im Bett. Da die Dame, bei der ich wohne Analphabetin ist, konnte sie leider nicht in der Arbeit Bescheid geben. Nun habe ich zwei Nachbarn gebeten, meinen Rollstuhl vom zweiten Stock auf die Strasse zu befoerdern. Deswegen bin ich jetzt auch im Internetcafé und kann Ihnen sagen, dass ich bis einschliesslich 31.03. krankgeschrieben bin. “.

***

Nancy kommt gut geschminkt an die Rezeption und uebergibt das Dokument. Es werden Manager und Sekretaerin geholt. Ein pneumatischer Halt, ein gefederter Anlauf, Aufruhr in der Regel. Das kann man erstmal ueberhaupt nicht checken, das hat in der Firma noch keiner gebracht. Die Lederschuhe kehren bemueht zum Aufzug zurueck.

Nancy schlendert zum Auto. Ich reiche ihr meine Camel und: “Was gibt’s?”.

***

Die schwarze Kasse

200 Pesos Krankenbescheinigung Krankenhaus PEMEX
120 Pesos Bestechungsgeld Polizei, Trunkenheitsfahrt ohne Fuehrerschein und Licht
100 Pesos Bestechungsgeld Polizei, Falschparken in Einfahrt zu Bank BANAMEX
200 Pesos Polizeistation Caracoles, Beratung durch Polizeibeamten bei Erstattung der Anzeige wegen Raubes gegen Nancy’s Ex-Freundin
100 Pesos Begleitung durch Polizeiagenten zum Haus von Nancy’s Exfreundin
150 Pesos Bestechungsgeld Polizei, Parken auf Fussgaengerueberweg
400 Pesos Krankenbescheinigung staatliches Krankenhaus Ruben Leñero

Reality
Es ist ein seltsames Zeitloch, in das ich gefallen bin. Die Tage vergehen in Mexiko in einer anderen Geschwindigkeit. Der Augenblick wird staerker, Sonne, man nimmt sich Zeit sich hinzusetzen, die Strasse entlang zu sehen, dann auch eine zu rauchen. Und wenn man abends zurueckblickt, gibt es kaum ein Ereignis, an dem man den Tag aufhaengen koennte.
Irgendwie hat mich diese ganze Liebessache von Anfang an an Kiffen erinnert.

Ich kann auch gar nicht genau sagen, was ich seit Anfang Dezember gemacht habe. Viel im Bett gelegen, sicher. Stundenlang ihre Muschi geleckt; da fuehle ich mich heimisch, wie ein warmes Daunenkissen, mit Saftausschank. Gefickt, in guten Restaurants gegessen, Videos geschaut, durch die Stadt gelaufen.
Auto gefahren. Spazieren in La Marqueza, den Ersatzalpen dreissig Kilometer vor Mexico City. Musik gemacht mit Carlos, meinem Nachbarn, einem wunderbar verwirrten Gitarristen, ebenfalls Oekonomieabsolvent, getragen von dem diffusen Plan, Unterricht in Marxismus zu geben. Versucht mich zu erinnern, was fuer ein Monat gerade ist. Im Pervert gedanced, dem einzigen Laden hier, in dem guter Techno laeuft.

Eigentlich verdammt wenig fuer drei Monate. Ich war halt nur nie alleine. But don´t be so stuck on the past.

In zwei Wochen komme ich nach Deutschland: FUTURE
***
Hi-Hat Feuer
***

Es war auch viel Trotz in der Entscheidung, ein Wegwerfen; mein Leben in Berlin war keinen Pfifferling mehr wert; haetten Malaysia oder Madagaskar gerufen, ich waere genauso gesprungen. Jetzt also Mexiko.

Plan: 15.03.:

Zwischenstop in Amsterdam, ich lasse den Flug nach Berlin sausen und komme direkt mit dem Bus nach Bayern, zu meinen Eltern. Es ist die Ecstasy-Exhibitionismusaktion auf dem Friedhof Neukoelln vor fast zwei Jahren; ich habe seit Monaten die Rate nicht bezahlt, die Chancen auf einen Haftbefehl stehen gut, landen in Tegel waere unklug.
Drei, vier Tage bei den Eltern im Chiemgau: Beruhigen, Moralpredigten ignorieren, jeder Fehltag wurde kolportiert, Zurschaustellen von Hautbild und gesundem und stabilen Geisteszustand. Ich habe seit meiner Ankunft in Mexiko im September drei Mal gekokst und eine handvoll Mal gekifft, mir kann gerade niemand was. Dann zwei Tage Party mit den bayrischen amigos.

Mitfahrt nach Berlin, wie gesagt, fliegen geht gerade nicht. Wohnen dann bei Cousine (anfragen!) und treffen mit all den Berlinfreaks, dem Netten Fucker, Frank aus Franken, Bomec sofern vorhanden; auch unbedingt Pippin. So oft als moeglich ins Berghain. Friedrichshains Strassen abchecken, Berlinflavour aufsagen und alles erzaehlen, Leben zwischen Euphorie und Abfuck ganz direkt wahrnehmen und aufschreiben.
Zwischendurch auch Nancy vermissen. Aber in Berlin zaehlt Mexiko dann gar nichts mehr, es wird regnen oder schnein. Mich auch wieder an Deutsch gewoehnen.
Mexikaner in den Toiletten des Berghains mit Slang zulabern. “¡No mames güey, que pedo, yo soy más mexicano que un pinche nopal, güey!”., da freu ich mich schon seit Ewigkeiten drauf. Ich nehm auf jeden Fall die Buffalos mit…

Das wird alles ganz schnell gehen, am 03.04 dann nach Amsterdam, den Studienkollegen, Investmentbanker, treffen, Coffeeshops auschecken, zuletzt einsam schreiben und am 5. April wieder nach Mexiko, da steht dann schon die ganze Familie.

Dann schaun.

Alles

Februar 20, 2008 by goneastray

Nee, ich geh nicht mehr auf Arbeit. Das weiss ich ja jetzt schon ne Woche. Letzten Donnerstag traute ich mich mal wieder ins Office, versteckte mich im 10. Stock, liess den Laptop an und fand eine Nachricht meines Chefs vor: “Lieber Airen, bitte melde dich umgehend bei mir!”. Die Mail war acht Tage alt.
Ich verliess schleunigst das Gebaeude und beschloss, nie wieder zu kommen.

Seitdem eigentlich Sport. Ich saufe ja nicht mehr, also nur noch zum Schreiben und zum Dancen. Nancy und ich gehen jetzt zum Joggen in den Stadtpark Chapultepec, oder hier im Norden, Caracoles, Estado de México, in der Vorstadt der Vorstadt, da gibt’s auch nen Sportplatz. Oder ich helfe in ihrem Geschaeft und mache Sandwiches und Saefte oder laber in der Regel die Kundschaft zu. Auf Dauer ein irrentabler Abfuck und deswegen tausend andere Plaene.
Unterricht in Deutsch, Englisch und Gitarre ist einer. Der Job in der Partei ein anderer. Was wir auf jeden Fall machen werden, ist eine grosse Wohnung zu mieten und an Auslaender auf Vierteljahresbasis teuer unterzuvermieten, das laeuft ab Maerz. Und halt noch ein Job, fuer das Visum. Laesst sich natuerlich faken oder kaufen, wie alles hier, Mann, am Wochenende erst haben mich hier die Bullen ohne Fuehrerschein und Licht dafuer mit Pegel aus dem Verkehr gezogen und das liess sich mit 120 Pesos Trinkgeld und einem Laecheln regeln.
Aber jetzt bloss Sport, Ficken und Gitarre macht auf Dauer auch bloed und als Auslaender mit Studium verdient man sich in Mexiko daemlich.

Nee, irgendwas muss gehen, aber es darf halt nicht mehr in der Finanzwelt ablaufen; ein Leben unter BWLern ist der Highway in die eintoenige, monosubstanzielle Drogensucht, ich ertrage das Pack nicht mehr, da rutsche ich aus, auf den Gedanken.
Es war nur dieser Film auf Pilzen 2001, da sah ich das Haus mit Swimmingpool an der kaliforischen Kueste und dachte: Jetzt zieh ich mir das krasseste Wirtschaftsstudium ever rein, auf Englisch, und kauf mir das.

Und dann kam ich an die “Europa-Universitaet” Viadrina und sah nur Fotzen, wirklich Spacken zum schlagen, und die verstanden keine einzige Klasse, kopierten, bestanden und vergassen. Ich traf nur Dennis, die Checkerfotze, und der sagte: “Der Bachelor, das ist der ‘Du darfst”-Schein.”: Du darfst jetzt Verantwortung tragen, Geld verdienen und einen auf Businessman machen.
Ich habe da vier Jahre nur ganz hart durchgekifft, Berlin befeiert und mich alle paar Wochen in die Pruefungen geschleppt. Und einen ganz profunden Hass gegen die BWLer entwickelt.
Dann nahm mich wirklich der Traumarbeitgeber jedes Anzugtraegers und das aenderte ueberhauptnichts, ich nahm nur noch mehr Drogen und erlebte hoellische Montage, dreimal kraehte der Hahn. Nach einem Jahr schickte man mich nach Mexiko; ich kassierte die Flugtickets und ein respektables Gehalt, und machte das, was man unter den letzten zwanzig Eintraegen lesen kann.

Ich verliere also gar nichts.

Natuerlich habe ich dann manchmal auch Heimweh. Berlin hat einfach einen ganz fiesen Groove weg. Ich habe da noch immer meine Band. Das Berghain. Alle Drogen. Wenn ich traurig bin, will ich mir auch hier in Mexico City einfach wieder einen Valium-Abfuck geben. An sonnigen Nachmittagen mit meiner Cousine in Friedrichshain extrem-Nichtsmachen. Mir ne Pipette GHB checken und schauen was passiert. Gras in der Hasenheide kaufen, ewig traeumen, durch SO36 laufen, Coolness im Nichtstun, und dann mit dem letzten Credit in’s Berghain checken und Pillen fressen. Eigentlich war ich nur dann, in diesen Momenten, zwischen riesigen Boxen und knackenden Synapsen, der euphorischen Verneinung der Vernunft, in diesem Bunkeruniversum der Musikmusikmusik, im Berghain frueh um acht: ich selbst.
Aber hier ist staendig der Himmel blau.

Und Nancy liebt mich.

Und ich will nicht mehr alles.

Und alles.